"Klassenputtel" im Vestibül: Wer darf mit der Jogginghose in die Oper?

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Die Schwierigkeit des Dazugehörens: „Klassenputtel“, eine Community-Produktion im Burgtheater Vestibül.

„Kleider machen Leute“, lässt sich in Gottfried Kellers so betitelter Novelle aus dem Jahr 1874 nachlesen. Über die Jahrhunderte hat sich nicht viel verändert. Was wir tragen, sagt bekanntlich viel über uns aus. Aber dürfen tatsächlich alle alles überall tragen?

Regisseurin Saliha Shagasi stellt das in „Klassenputtel“ zur Disposition. In einem Interview im Programm dazu konstatiert sie, ein 15-jähriger Jugendlicher im Designer-Jogginganzug werde auf einer Premierenfeier des Burgtheaters anders angesehen als eine Dramaturgin in Sportmarken-Jogginghose. Anders ausgedrückt, die soziale Schicht und Herkunft eines Menschen spielt auch heute eine Rolle.

Laien auf der Bühne

Anfang Oktober suchte das Burgtheater Interessierte für diese Community-Produktion. „Gerade als migrierte Menschen oder als Kinder von (migrantisierten) Arbeiter:innen-Eltern bewegen wir uns zwischen den sozialen Klassen und fühlen uns nirgendwo so ganz verstanden“, ist dazu auf der Homepage zu lesen. Aus den Bewerbungen wurde ein achtköpfiges Ensemble (Selin Baran, Anna Gromova, Sara Karimi, Long Lê, Thao Nguyen, Asya-Sevgül Mergen, Olga Shapovalova, Zuzana Wagner) formiert.

Laien auf die Bühne zu bringen, mag an Joseph Beuys’ Diktum „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ erinnern. Mit Melina Jusczyk, Theo Emil Krausz und dem Ensemble entwickelte Shagasi eine kompakte Performance über Klassenwandel.

Sieben Darstellerinnen und ein Darsteller vermitteln eindrücklich, wie sich Menschen fühlen, die abseits ihrer Herkunftsländer ein Zuhause suchen, studieren, arbeiten oder dazugehören wollen. Gespielt wird sehr engagiert auf Deutsch und Englisch. Manchmal fällt auch der ein Satz in der jeweiligen Muttersprache.

Immer wieder Scham

In diesen 60 Minuten erfährt man viel darüber, was Menschen wirklich bewegt. Das Geschehen beginnt harmlos launig mit einem Museumsbesuch, wo eine Darstellerin Gemälde von Monet, Klimt und anderen erklärt. Daraus führt sie zum titelgebenden Grimm’schen Märchen. Das erzählt eine der Darstellerinnen und verbindet diese Erzählung mit ihrer Erfahrung vom Fremdsein auf dem Schulball.

Das öffnet die Schleusen für andere Erzählungen, in denen immer wieder von Ausgeschlossensein und Scham die Rede ist. Zwei Darstellerinnen imaginieren einen Dialog mit einer Billeteurin, die sie wegen unpassender Kleidung nicht in die Oper lassen will. Eine andere erzählt, wie sie zu Hause zurechtgewiesen wurde, weil sie sich teure Schuhe gönnt und sich dann dafür schämt. Am Ende wird ein ironisches Lied an den Kapitalismus angestimmt. Viel Applaus

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