Zwischen Abschottung und Anpassung
„Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“: Dieser Titel eines Buches des deutschen Theologen Jan Loffeld zieht sich als roter Faden durch den vorliegenden Band: Der in Wien lehrende Dogmatiker Jan-Heiner Tück stellt darin die Frage: „Wiederkehr der Säkularisierung?“
Der Untertitel präzisiert: „Der Streit um die religiöse Indifferenz“. Auf jene Indifferenz spielt nämlich Loffeld an, der seinerseits den Schriftsteller Martin Walser paraphrasiert. Der hatte in einem vielbeachteten Essay („Rechtfertigung, eine Versuchung“, 2012) bekannt: „Gott fehlt. Mir.“ Für Tück, wie er in einem früheren Beitrag schrieb, Ausdruck eines „Hin- und herschwanken[s] zwischen Glaubenwollen, aber Nichtglaubenkönnen“, „das viele Menschen heute umtreibt“.
Aber stimmt das überhaupt noch? Loffeld warnt jedenfalls davor, sich diesbezüglich in falschen Sicherheiten zu wiegen. Nicht nur die Kirche, wie man früher meinte (vgl. etwa „Jesus ja, Kirche nein“), auch der Glaube selbst steht zur Disposition. Und dies eben nicht im Modus einer kämpferischen Ablehnung, sondern der bereits erwähnten Indifferenz.
Es fehlt eben für sehr viele gar nichts, wenn Gott fehlt. „Das Christentum kommt auch in vormals volkskirchlich starken Regionen Europas in eine Diasporasituation“, schreibt Loffeld im aktuellen Band.
Er ist dabei keineswegs kulturpessimistisch – Aufgabe der Kirche sei es in einer solcherart veränderten Situation, den „Himmel offen [zu] halten für andere, denen das völlig fremd, unwichtig, unbekannt, aber zeitweise bedeutsam sein kann […] oder aber für immer werden könnte“.
Katholische Flaneure
Einen interessanten Ansatz bringt der Religionsjournalist Andreas Main ein. Er nimmt die „katholischen Flaneure“ in den Blick: „intellektuelle Konvertiten, urbane Zeitgenossen, die ihren Katholizismus wieder entdecken“. Kein Massenphänomen, wie der Autor selbst weiß, aber doch bemerkenswert. Worum es dabei geht: um eine Kirche „jenseits der Generalvikariate, Pfarrhäuser, Gremien, Laien-Organisationen und Verbände“ – „fröhlich, zuversichtlich, und voller Hoffnung“.
Ein Gedanke, dem auch Tück einiges abgewinnen kann. Der Herausgeber des Buches warnt zudem vor kurzschlüssigen Reaktionen: „Weder ein bockiger Traditionalismus, der sich in regressiver Absetzung zur säkularen Welt als alleinseligmachende Alternative präsentiert, noch eine chamäleonartige Anpassungsbeflissenheit, die im Namen der Anschlussfähigkeit das eigene Profil verwässert“, könne die Lösung sein.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Jan-Heiner Tück (Hg.): „Wiederkehr der Säkularisierung?“, Herder, 192 Seiten, 22,70 Euro
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