Kammerspiele: Büchner zwischen Beatles, Beauvoir und Charles Trenet

Bitternis: "Leonce und Lena" zum Abschied der Direktion Föttinger in den Kammerspielen des Josefstädter Theaters:
++ HANDOUT ++ PREMIERE "LEONCE UND LENA"

Die 20 Jahre währende Direktion von Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt ging mit der letzten Premiere an den Kammerspielen in Richtung Finale. „Leonce und Lena“ von Georg Büchner ist angekündigt. Dessen Lustspiel aber diente in der sehr freien Bearbeitung von Regisseur Torsten Fischer vor allem als Folie fürs Abschiednehmen. Der verlegt die Geschichte über die heiratsunwilligen Königskinder in eine italienische Künstler-Seniorenresidenz. In dieser hellen „Casa di riposo degli artisti“ (Bühne und Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos), blickt ein Schauspielerehepaar auf seine Vergangenheit zurück. Das ist solide gearbeitet, berührend und beklemmend.

Mit Songs von Leonard Cohen und anderen lässt der feinsinnige Geiger Aliosha Biz mit Krysztof Dobrék (Akkordeon) aufhorchen. Die Handlung changiert schlüssig zwischen Retrospektive, Spiel im Spiel und verzichtbare Passagen, die Büchners politische Satire ersticken. Das geschieht oft in diesen 90 Minuten und vor allem zugunsten von Sandra Cervik, die im Zentrum dieser Fassung agiert. Das funktioniert mit Auszügen aus Simone de Simone de Beauvoirs Memoiren „Der Lauf der Dinge“, wenn sie als zur Unkenntlichkeit maskierte betagte Frau ihren Verfall beklagt. 

Bei der deutschen Übersetzung von „Yesterday“ der Beatles rückt das Geschehen in Rosamunde-Pilcher-Nähe. Ein Zitat aus einem Interview, das Peter Weck anlässlich seines 95. Geburtstags der „Bild“-Zeitung gab, nämlich, „Ich habe so viele Rollen gespielt, dass ich manchmal vergesse, wer ich eigentlich bin“, würde auf Cerviks Präsenz seit 1999 an der Josefstadt passen. Dann aber kommt auch noch ein Ausschnitt aus einer im Internet veröffentlichten Kurzgeschichte über Menschen in einem Altersheim. Das legt sich wie Blei auf das Geschehen. 

Da hat es Michael Dangl als Leonce schon besser, der sich an Büchner halten kann. Auch ihn erkennt man zunächst als weißbärtigen Mann nur an der Stimme. Die Verwandlung in den jungen Prinzen nimmt man ihm dann ab. 

Den hochbetagten anderen Insassen spielen die beiden ihr Stück vor. Warum wohnen dort nur Männer? Vielleicht, weil Fischer diese in einer Szene als Transen auftreten lässt? Oder weil er sie für den Staatsrat von König Popo (Marcus Bluhm) braucht? Darüber lässt sich nur mutmaßen. Tonio Arango (Valerio) und Susanna Wiegand komplettieren das Ensemble. Dass das letzte Wort in dieser Aufführung nicht Büchner, sondern Charles Trenet mit seinem Chanson „La Mer“ hat, hilft nichts gegen die Bitternis, die über diesem stark akklamierten Abschiedsabend hängt.

KURIER-Wertung: 3 ½ Sterne 

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