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Interview
12/15/2019

Kabarettist Thomas Maurer: "Da grassiert der blanke Irrsinn“

Der Kabarettist über sein neues Solo „Woswasi“, Klimawandel, SPÖ-Dilemma und FPÖ-Paranoia

von Werner Rosenberger

Thomas Maurer mag gern komplexe Themen. Und wenn es „genauso lustig runterknattert, wie wenn jemand nur Comedy machen will“: „Woswasi“, den Titel seines neuen Programms (Premiere: 13. 1., Stadtsaal Wien), könne man wörtlich nehmen. „Was kann man wissen? Und wo spielt einem das eigene Hirn einen Streich?“

Nach der Erkenntnis des Wirtschaftsnobelpreisträgers und Psychologen Daniel Kahneman, Autor des Buches „Schnelles Denken, langsames Denken“: Entscheidungen werden selten logisch getroffen, sondern folgen allen möglichen Illusionen und Bedürfnissen. Für Maurer „gutes Material für Komik“.

KURIER: Wo geht sich der rational denkende Analytiker selber auf den Leim? Wenn er nicht aufs Bauchgefühl hört?

Thomas Maurer: Das ist je nach Typ unterschiedlich. Natürlich gibt es Menschen, die emotionaler und andere, die rationaler sind. Diese Zweiteilung ist ein menschliches Grundprinzip. Für Kahnemann gibt es ein sehr leistungsfähiges Alltagssystem. Das zweite System springt nur ein, wenn komplizierte Aufgaben zu lösen sind. Aber das ist sehr anstrengend. Und wie alle Tiere sind auch wir nicht darauf angelegt, sinnlos Energie zu verschwenden. So lassen wir meist das erste System laufen und treffen dort Entscheidungen, die beim zweiten System wirklich besser aufgehoben wären.

Kahnemann hat die Wirtschaftspsychologie mitbegründet.

Und die idiotische Idee des Homo oeconomicus war einer der größten intellektuellen Blindgänger des daran nicht armen 20. Jahrhunderts.

Ist man mit dem Wissen über Verhaltensökonomie – einer Diagnose ohne Therapie – am Ende eher Optimist oder Pessimist?

Die Therapie wäre, immer wieder einen Schritt zurück zu machen und nachzudenken. Aber es kommen auch einem Wissenschafter bei vermeintlich total objektiver Arbeit vorgefasste Meinungen dazwischen. Vieles davon ist menschliche Natur und evolutionäres Erbe. Das wird sich in den nächsten paar 10.000 Jahren auch nicht ändern.

Und lässt sich vermutlich auch gar nicht ändern?

Kahnemann hat auch nur den Wunsch, mit seinem Buch das Niveau von Kaffeeautomatengesprächen zu heben.

Die Politik behandeln Sie im Trio „Wir Staatskünstler“ aktuell mit „Jetzt erst recht“ – und auch im Solo?

Schon. Sich damit zu beschäftigen: Wie kommt man auf etwas Objektivierbares? Wie kann man sich über Gedanken überhaupt austauschen? Das ist in einer Zeit, in der der US-Präsident einen Krieg gegen die Idee der Wirklichkeit führt, einmal per se nicht unpolitisch.

Frage an Sie als deklarierten Linksliberalen: Wieso ist die SPÖ in einem derart katastrophalen Zustand, dass sie nicht einmal von der Selbstdemontage der FPÖ profitieren kann?

Das ist eine spezifische Volltrottelei der jetzt amtierenden SPÖ-Spitze. Pamela Rendi-Wagner hatte von Haus aus ein unfähiges Personal. Dann kam Thomas Drozda, der Geschäftsführer nicht kann ...

Aber ein netter Mensch ist.

Und mit dem man gepflegt über Renoir plaudern kann. Unter Werner Faymann wurde die SPÖ vollkommen entpolitisiert. Da ging es nur darum, wer wie groß in der Kronenzeitung ist. Und eine Welt, in der Doris Bures Nationalratswahlen gewinnen kann, ist keine, die sich mit der Welt, die ich wahrnehme, irgendwie deckt. Und Michael Ludwig ist auch keine Charisma-Bombe.

Ist das alte Rot das neue Grün?

Wahrscheinlich. Ein Musterbeispiel, warum Menschen ein brennendes Problem partout nicht kapieren, ist der Klimawandel. Weil abstrakt, langsam, nicht gleich sichtbar. Alle unmittelbaren biologischen Wachsamkeitssysteme, alles, worauf unser Hirn getriggert und ausgerichtet ist, wird nicht angesprochen. Unser Hirn braucht Geschichten. Es stellt ständig Analogien, Scheinzusammenhänge her. Alles, was der Mensch nicht in eine Geschichte packen kann, versteht er nicht. Wie den Klimawandel.

Bis Greta Thunberg kam.

Offenbar sind wir als Gattung so deppert, dass wir es ohne Kitsch nicht packen.

Sind Sie bei den (un)sozialen Medien engagiert?

Ich bin nicht auf Twitter, füttere meine Facebook-Seite kaum, bekomme aber durch mein Fenster in diesen Facebook-Kosmos auch mit, wie das gerade so läuft mit den Verschwörungstheoretikern und Pro-Bastis. Ohne selber involviert zu sein.

Die Staatskünstler und Sie touren auch in den Bundesländern?

Ja. In den 80er- und 90er-Jahren, als ich begonnen habe, war Oberösterreich das Bundesland mit der kleinteiligsten und aktivsten Kulturstruktur mit vielen kleinen Kulturinitiativen, die alle ein bisschen Geld bekommen und sehr viel gemacht haben. Da hatte man als junger Kabarettist 15 bis 20 Auftrittsmöglichkeiten allein in Oberösterreich. Aber diese vielen hoffnungsvollen Initiativen – von einer damals noch kultur-affinen ÖVP gefördert – hat man mittlerweile alle abgedreht. Und es macht schon einen Unterschied, ob es irgendwo Theater gibt oder keine. Am gründlichsten war da Andreas Mölzer, Jörg Haiders Kulturreferent. Der hat alles in Schutt und Asche gelegt, was es in Kärnten gab. Und das war eh nicht viel.

Die Staatskünstler haben zuerst auf die „Pension Enzian“ in Tirol aufmerksam gemacht, in der dann der Goldschatz der FPÖ entdeckt wurde.

Das bezog sich auf einen Zeitungsartikel, dass Strache im Parteivorstand sagte, die „Pension Enzian“ – Bildungsakademie und Rückzugsort der FP-Parteispitze für den Tag X – müsse gekauft werden.

Im Ernst?

Die glauben alle an den Tag X. An den Bürgerkrieg gegen die Moslems. Das sind paranoide Irre. Deshalb bin ich auch fest davon überzeugt, dass es irgendwo in den Wäldern um die „Pension Enzian“ ein paar Blechkisten mit Waffen und Munition gibt. Das ist World’s End.

Sollten jene, die durch das Ibiza-Video die bizarre Welt von Strache, Gudenus und der FPÖ öffentlich gemacht haben, verurteilt werden oder einen Demokratiepreis bekommen?

Wahrscheinlich beides. Man muss sich an rechtsstaatliche Prinzipien halten. Ich finde, man sollte sie je nach Rechtslage im Zweifelsfall verurteilen, aber mit dem großen Bundesverdienstzeichen in den Häfen schicken.

Strache hat nicht verstanden, dass ein Comeback für ihn nicht mehr möglich ist.

Fünf Prozent würde er schon kriegen und wäre damit in Wien zumindest im Gemeinderat. Wo soll er sonst Geld herbekommen, da er es sich mit allen verscherzt hat, die ihn als Frühstücksdirektor um 10.000 Euro im Monat irgendwo verstaut hätten?

Wie erklärt sich, dass so eine politische Witzfigur in Wien vermutlich mehr als fünf Prozent bekommt?

Durch eine psychologische Tatsache: Wenn man Menschen, die mit großer Leidenschaft an etwas glauben und Emotionen investiert haben, mit unwiderlegbaren Beweisen konfrontiert, dass etwas falsch ist, dann reagieren sie in aller Regel so, dass sie noch verstärkt daran glauben.

Jetzt erst recht.

Das ist genau der Punkt. Auf den FP-Strache-Seiten im Internet grassiert ja seit Jahren der blanke Irrsinn. Zitat: „HC, du bist der Einzige, der uns noch retten kann …“ Das war kein Ausreißer, sondern der Grundtenor.

Dabei haben wir doch jetzt einen anderen Erlöser.

Aber die Wähler wollen nicht tauschen. Auf den HC-Seiten war die galoppierende Geisteskrankheit unterwegs. Da braucht man nicht arrogant von Ungebildeten reden. Das war der Irrsinn. Und wenn von 20 Prozent FPÖ-Wählern nur ein Drittel beim HC bleibt, dann gute Nacht.