Jonas Kaufmann „Könnte man nicht öfter Operette spielen?“
Er prägt die Opernszene seit vielen Jahren. Im großen Interview mit dem KURIER hält er ein leidenschaftliches Plädoyer – für Operette. Er spricht über seine Beweggründe, selbst eine Intendanz zu übernehmen. Über das, was Oper vor allem ausmacht, nämlich nicht das Visuelle. Sowie über Bayreuth und "braune Flecken".
KURIER: Sie präsentieren am 22. April im Wiener Konzerthaus Ihr neues Programm namens „Magische Töne“, gemeinsam mit Malin Byström. Der Titel stammt aus der Oper „Die Königin von Saba“ von Karl Goldmark. Nach welchen Kriterien erstellen Sie solche Lieder- bzw. Arienabende?
Jonas Kaufmann: Man muss sich für ein neues Projekt immer ein Motto raussuchen, sonst ist das Feld unglaublich weit. Ich finde es spannend, wenn man sich einem neuen Gebiet widmet, wo es Stücke gibt, von denen man noch nie etwas gehört hat. Die Arie „Magische Töne“ zählt nicht dazu, die ist schon von Enrico Caruso auf Italienisch aufgenommen worden. Leo Slezak hat 50 Vorstellungen dieser Oper an der Wiener Staatsoper gegeben. Aber heute spielt das Stück, aus dem die Arie stammt, kein Mensch mehr. Wir haben auch ein Album aufgenommen, das zeitgleich mit der Tournee herauskommen soll.
Welches Repertoire findet sich da noch darauf?
Nachdem wir uns vor zehn Jahren auf die große Berliner Operettenära konzentriert haben und danach auf „Mein Wien“, haben wir uns jetzt in der „k. u. k.“-Geschichte weiter nach Osten bewegt. Es ist unfassbar, wie viele großartige Stücke es von ungarischen Komponisten gibt. Ihre Operetten liegen irgendwo im Archiv, und keiner spielt sie. Das ist wirklich zu schade, zumal einem heute fast überall das Gefühl gegeben wird, dass dieses Genre den Kulturschaffenden zu abgedroschen, zu billig ist.
Halten Sie Operette für zeitgemäß?
Natürlich sind die Geschichten nicht so, dass man dafür einen Nobel- oder einen Pulitzerpreis bekommen würde. Aber das ist ja bei der Oper auch nicht anders. Nur weil man den Text versteht, ist es fad? Und wenn es italienisch ist, merkt keiner, wie fad es ist? Das kann ja nicht sein. Vieles im Genre Operette ist qualitativ hochwertige Musik. Und ich glaube, dass der unglaubliche Erfolg, den diese Stücke damals hatten, heute reproduzierbar ist. Es ist ja nicht so, dass das Publikum nicht affin wäre für ein Lächeln auf den Lippen und sich nicht ein paar Stunden wegträumen will. Entstanden sind diese Werke, als es viele Krisen gab, das war ein Tanz auf dem Vulkan. Ohne allzu apokalyptisch klingen zu wollen: Ein bissl ist die Situation auch heute so. Die Wirtschaft kriselt, es gibt Kriege – da sehnt sich das Publikum nach Momenten, wo man seine Sorgen vergessen kann.
Haben klassische Kulturveranstalter zu viel Angst vor Unterhaltung?
Vielleicht. Dabei gibt es so schöne Werke. Auch ein gutes klassisches Musical ist nichts, wo man die Nase rümpfen müsste. Oder eine Zarzuela. Es wäre so schön, die verschiedenen Formen der guten Unterhaltungsmusik wieder aufleben zu lassen. Allerdings braucht es dafür auch Sänger, die das singen können: Es sind Stücke dabei, die mehr als zwei Oktaven Umfang haben, das findet man kaum in einer Opernpartie. Aber das ist nur die halbe Miete, man muss auch spielen und Dialoge sprechen können.
Sie haben zuletzt in der Staatsoper als Eisenstein in der „Fledermaus“ debütiert. Man hatte das Gefühl, es würde Ihnen großen Spaß machen.
Absolut. Ich frage mich auch: Wenn diese vier Vorstellungen rund um Silvester in ein paar Minuten ausverkauft sind – könnte man dann nicht öfter Operette spielen? Die Wiederaufnahme müsste ja nicht immer erst am 31. 12. sein. Und warum spielt man nicht auch noch nach der Ballsaison? Aber wir reden zumeist nur von der „Fledermaus“ oder von der „Lustigen Witwe“ – das ist doch ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, wie viel es sonst noch gibt in diesem wunderschönen Fach. Natürlich auch heikle Dinge: Ich singe zum Beispiel auf dem neuen Album öfters das Wort „Zigeuner“, da gibt es vielleicht bei dem einen oder anderen einen Aufschrei. Aber wir haben das in Budapest aufgenommen, und die Menschen haben gefragt: Wo ist das Problem? Außerdem gibt es diese Stolperfallen auch in der Oper, aber das scheint kaum jemanden zu interessieren.
Wann hat Ihrer Meinung nach die große Begeisterung für Operette aufgehört?
Da müssen wir zurück in der Geschichte gehen, zum Beispiel in die Zeit, als Karajan Direktor der Wiener Staatsoper wurde. Bei aller Verehrung für ihn und seine Idee, alle Opern in Originalsprache aufzuführen – ich profitiere ja als internationaler Sänger auch davon: Ein bissl hat das das Genre Operette von der Oper abgekoppelt. Oper war ja bis dahin gar nicht viel anders. Als Opern auf Deutsch gegeben wurden, waren sie zum Teil ähnlich populär wie Operette. Ich will jetzt keine Lanze dafür brechen, dass wir Oper wieder auf Deutsch spielen sollen. Aber um die Operette ist es seither traurig bestellt.
Was müsste passieren?
Schauen wir nach München zum Gärtnerplatztheater, wo Intendant Josef Köpplinger einen großartigen Job macht. Er hat verstanden, dass Operette ein anderer Schauplatz ist und dass man da Dinge anders machen muss. Aber immer auf Topniveau. Das wäre sicher auch für andere „zweite“ Häuser eine Idee. Vielleicht wird dann der Konkurrenzdruck so groß, dass die „ersten“ Häuser sagen: Na gut, spielen wir auch einmal Operette mit unserer Galabesetzung.
Aber woran liegt es, dass das kaum passiert? An der Arroganz mancher Künstler? An der Unwilligkeit mancher Intendanten?
Ich glaube nicht, dass es an den Sängern liegt. Es gibt zwar die Sprachbarriere, vor der sich der eine oder andere vielleicht fürchtet. Aber es gibt genügend Beispiele, die gezeigt haben, dass man diese Barriere überwinden kann. Ich bin überzeugt davon, dass die großen Sänger Spaß an Operette hätten. Ich will auch keinem meiner neuen Intendanten-Kollegen Arroganz vorwerfen. Aber es ist schon so, dass beim Spielplan häufig die dramaturgische Seite bestimmt, was über das Jahr läuft. Und die findet wohl keinen großen Gefallen an Operette. Wir haben heute große Namen als Intendanten, aber wir haben nicht mehr diese Generation von Theatermachern, die selbst auf der Bühne gestanden sind; die dieses Theaterblut haben, ob sie nun Dirigenten, Sänger oder Schauspieler waren. Dieses Gespür dafür, wie es ist, vor einem Publikum seine Haut verkaufen zu müssen.
Aber es gibt schon immer wieder Versuche mit Operetten an Opernhäusern, zum Beispiel an der Bayerischen Staatsoper in München.
Ja, als Serge Dorny dort angefangen hat, hat er angekündigt, dass er jedes Jahr Operette machen will. In der zweiten Spielzeit war es „Die Fledermaus“ mit Barrie Kosky. Aber in seiner ersten war es „Giuditta“, die Christoph Marthaler dann mit etwa 50 Prozent anderer Musik zu etwas ganz Anderem inszeniert hat. Also ich finde, wenn man so ein Stück einmal ausgräbt, dann muss man es richtig machen. Schafft man das nicht, dann ist es für die nächsten 50 Jahre wieder verbrannt.
Sie haben vor zwei Jahren selbst eine Intendanz übernommen – in Erl. Das kam für viele überraschend. Haben Sie dort Blut geleckt? Könnten Sie sich vorstellen, das auch einmal an einem großen Haus zu machen?
Blut geleckt habe ich ganz sicher, es macht unglaublich Spaß. Es kam auch für mich überraschend. Seit ich dran bin, merke ich, wie sehr mir das Freude macht. Ich habe auch schon bei meinen CD-Ausflügen abseits der Klassik immer gesagt: Ich mache das, was ich für richtig halte, was mir Spaß macht und nicht, was andere mir einsagen. Dann kann mir nix passieren, dann muss ich mich nicht verbiegen. Wenn es ein Erfolg ist, ist es schön. Wenn es kein Erfolg ist, habe ich es trotzdem für mich gemacht und bin mir treu geblieben. Und richtig ist auch: Bei mir gilt das Prinzip „gar oder gar nicht“.
Was war Ihre Motivation, so einen Job zu übernehmen?
Es ist ja nicht so, dass ich das Rad neu erfinden wollte. Meine Gattin war nicht ganz glücklich darüber, dass ich ein neues Steckenpferd habe und entsprechend viele Termine in den Kalender notiert werden. Aber ich habe mich immer wieder ein bissl vorlaut geäußert, dass manche Dinge am Theater falsch laufen. Und dass halt musikalische Qualität das Um und Auf ist. Wenn das nicht funktioniert, kann ich noch so viele Räder schlagen. Es geht um die Musik. Oper lebt von der Musik und nicht nur vom Visuellen. Da habe ich gesagt: Ich muss mich selber einmal hinstellen und zeigen, was ich damit meine.
Sie haben in Erl zuletzt sogar zeitgenössische Musik gespielt. Wie wichtig ist das 21. Jahrhundert für die Programmierung?
Ich muss zugeben, dass ich persönlich zeitgenössische Musik nicht mit großer Freude singe. Aber unser Genre darf nicht nur von der Vergangenheit leben, das wäre der Todesstoß. Also muss man Zeitgenössisches ebenfalls fördern. Es ist nicht die finanzielle Erfüllung, da muss man einen langen Atem haben.
Zurück zur Ausgangsfrage: Könnten Sie sich die Leitung eines großen Hauses vorstellen?
Wir spielen in Erl circa acht Wochen im Jahr. Das ist ein bissl mehr als die meisten anderen Festivals, aber es ist ein Witz gegenüber dem, was zum Beispiel an der Wiener Staatsoper passiert. Dort zu arbeiten, ist ein Wahnsinns-Knochenjob, großen Respekt für alle, die das tun, auch weil man an einem solchen Haus fast nur verlieren kann. Egal, welche Entscheidung man trifft, es gibt immer jemanden, der das bekrittelt. Man ist sechs Tage die Woche von früh bis spät im Haus. Und wenn man am siebenten Tag abends nicht in der Loge sitzt, sagt irgendwer: Was ist passiert? Man kann nur dort einziehen und 24/7 verbringen. Das kann und will ich nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Ich habe Familie und eben einen weiteren Beruf, den ich mit großer Freude ausübe, das geht sich nicht aus.
Erl war ursprünglich in erster Linie – neben Rossini – ein Wagner-Festival. Wie sieht es um Ihre eigenen Pläne im Wagner-Fach aus?
Ich habe Tannhäuser im Kalender, auch Tristan kommt wieder, ebenso Parsifal und Siegmund. Vielleicht nicht alles in Erl. Ich verstehe schon, dass die Leute sagen: Wenn er eh da ist, kann er ja auch gleich singen. Aber es verträgt sich nicht immer mit der Arbeit des Intendanten, nebenbei noch einen Tristan zu singen. Ab und zu mal ein Konzert, das ja. Aber wenn ich in einer ganzen Produktion drinnen bin, bin ich wochenlang als Intendant kaum ansprechbar.
Stichwort Wagner: Wie sehen Sie aktuell die Bayreuther Festspiele, wo heuer im Jubiläumsjahr (150 Jahre Wagner-Festival, Anm.) erstmals „Rienzi“ aufgeführt wird?
Ich finde es schlau, dass man die heilige Regel aufbricht und sagt: Wir spielen jetzt doch mehr. Trotzdem werden es weder „Die Feen“ noch „Das Liebesverbot“ wahrscheinlich nach Bayreuth schaffen. Aber das ist auch Wagner, nämlich der, der Belcanto-Fan war, der seine ersten Opern fast im Stil von Lortzing geschrieben hat. Ich finde, den sollte man nicht verstecken. Wenn Wagner, dann das komplette Oeuvre.
Wieso sind Sie selbst dort nur einmal aufgetreten, nämlich als Lohengrin in der Inszenierung von Hans Neuenfels?
Erstens hatte dieser Grüne Hügel noch lange braune Flecken. Zu sagen, ich hätte mich dort nicht wohl gefühlt, wäre zu hart, aber ich fand es spooky. Hinzu kommt, dass ich grundsätzlich eine andere Auffassung von Zusammenarbeit habe. Der „Lohengrin“ ist mittlerweile 16 Jahre her, ich wurde damals relativ sang- und klanglos für die erste Wiederaufnahme abgesägt, nachdem die Probenpläne vollkommen über den Haufen geworfen wurden. Man hat dort geglaubt, dass man sagen kann: Wir geben vor, wann ihr alle da sein müsst. Aber ich habe gesagt: Ich sehe das nicht ein, ich habe andere Verpflichtungen, ich habe Verträge unterschrieben. Wenn ihr das jetzt ändern wollt, dann müsst ihr mit den Leuten reden und schauen, was geht. Und das war zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich.
Bräuchte nicht auch Bayreuth mehr Stars?
Damals wollte man keine, aber vieles hat sich geändert. Zuletzt hat Elina Garanča nicht wirklich die Bayreuth-üblichen Probenphasen abgesessen, um das vorsichtig auszudrücken. Das heißt: Es geht schon. Und das ist auch richtig so.
Das muss ja nicht zwingend ein Widerspruch zum Bayreuther Werkstatt-Gedanken sein. Oper lebt doch überall von Stars.
Ja, die Werkstatt Bayreuth, das war früher das Credo. Man schließt sich acht Wochen ein. Aber wenn man „the Top of the Top“ haben will, dann muss man eben mit beidem leben. Auch damit, dass manche erst recht kurzfristig dazustoßen. Aber reden wir lieber nicht von Stars, sagen wir Sänger, die manchmal den Unterschied ausmachen. Es ist ja auch nicht so, dass ich ewig beleidigt bin. Ich bin mit Bayreuth wieder auf einer guten Basis, und ich bin ja auch noch nicht fertig mit meiner Karriere – vielleicht find ma ja noch einmal etwas.
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