Jewgenij Kissin im Musikverein: Virtuose, furiose Exzesse

Pianist Jewgenij Kissin spielte Liszt, Schumann und Chopin im Musikverein.
Jewgenij Kissin im Musikverein: Virtuose, furiose Exzesse

Wie selten ein Musiker vereinbart der Pianist Jewgenij Kissin Intellekt, Virtuosität mit Künstlertum. Das ließ er bei seinem Rezital im Musikverein erleben.

Mit Beethovens früher Sonate Nr. 7, in D-Dur, op. 10/3, hebt er dieses analytisch an. Alles ist perfekt ausgelotet, wie die tänzerischen Passagen. Im langsamen Satz entlockt er dem Klavier nahezu psychedelische Momente. Aggressive Akkorde changieren mit liebevollen Sequenzen. Am Ende vermittelt er den Eindruck, dass er mit diesem Komponisten noch lange nicht fertig ist.

Äußerst bewegt

Wirklich zu Hause ist Kissin bei Chopin, wie er bei fünf Mazurken demonstriert. Robert Schumanns Klavierzyklus „Kreisleriana“ gerät zur atemberaubenden Erzählung. Er nimmt die Titelüberschriften der acht Teile wörtlich, „äußerst bewegt“ setzt er ein, lässt die Musik strömen.

Da bleibt kein Zweifel, dieser Pianist kennt die Geschichte des exzentrischen Kapellmeisters Johannes Kreisler von E. T. A Hoffmann, der Schumann inspiriert hat. Mit totaler Innigkeit intoniert er den zweiten Teil, changiert abrupt in die schnellen Passagen und wieder zurück.

Kissin lässt die Zerrissenheit dieser Künstlerseele spüren, die am Ende „mit zwei übereinander gestülpten Hüten“ (Hoffmann) aus der Stadt hüpft. Furiose Exzesse an Virtuosität entfacht er bei Liszts „Ungarischer Rhapsodie“, Nr. 12 in cis-Moll. Fulminant kontrastiert er Melancholie mit brillanten Trillern. Ovationen nach den Zugaben.

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