Museumsdirektorin Hollein im Interview: „Man sollte das MAK vorreihen!“

MAK-Direktorin Lilli Hollein
Die Chefin des MAK bewirbt sich um eine Vertragsverlängerung und will 2026 u. a. mit Christoph Schlingensief und neuen Sammlungsräumen punkten.

Vor Beginn des Gesprächs gibt Lilli Hollein, MAK-Direktorin seit September 2021, eine Tour durch die Schausäle „Wien 1900“: Noch ist hier Baustelle, doch ab 24. 2. sollen wertvolle Bestände wie der „Stoclet-Fries“ von Gustav Klimt neu erstrahlen – inszeniert vom Künstler Markus Schinwald.

KURIER: Mir fällt auf, dass es auch im Werk des Modeschöpfers Helmut Lang, das in der großen Ausstellungshalle zu sehen ist, einen Hang zum Gesamtkunstwerk gibt – wie in Wien um 1900. Sind das Puzzlesteine, die zufällig zusammenpassen?

Lilli Hollein: Vielleicht. In der Zeit der Ausstellungsvorbereitung ist für mich aber klarer geworden, dass ich viele Parallelen zwischen dem Helmut-Lang-Archiv zum zweiten wichtigen Archiv des Hauses sehe – dem Wiener Werkstätte-Archiv. Beide zeigen eine starke Systematik im Entwerfen eines Lebensgefühls. In der aktuellen Ausstellung sieht man, wie wichtig diese Präzision ist, um dieses Helmut-Lang-Gefühl zu erzeugen. Etwas Ähnliches – das wird man ab 24. Februar sehen – hat die Wiener Werkstätte geschafft: Ein Wien-1900-Gefühl zu erzeugen, das sich bis heute in unseren Köpfen festgesetzt hat.

Wie wichtig ist „Wien 1900“ für die Identität des MAK? 

Ich würde sagen, zentral. Wir haben diesen Abschnitt österreichischer Kunstgeschichte mitgeprägt – nicht nur als Museum, sondern auch mit der einst angegliederten Kunstgewerbeschule und führenden Kunsthistorikern. Es ist ein Kernstück unserer Sammlung, aber genauso freue ich mich, dass wir heuer unsere Teppichsammlung mit Weltgeltung wieder zeigen können.

Es gab unter Ihrem Vorgänger schon eine Neu-Aufstellung des Sammlungsbereichs, während die unter Direktor Peter Noever gestalteten Künstlerräume teils lange geblieben sind. Warum also wieder eine neue Schausammlung „Wien 1900“?

Weil „Wien 1900“ näher an der Gegenwart ist und wir diese Erzählung schärfer überarbeiten müssen. Und weil es das Bestreben war, auch diese Schausammlung in enger Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen umzusetzen, wie das Noever in den 90er-Jahren zu einem wichtigen Merkmal dieses Hauses gemacht hat. Markus Schinwald hat da nicht nur eine Erzählung eingebracht, sondern auch eine Systematik mit einem sehr filmartigen Denken. Sie wird unser Publikum anders und intuitiver durch diese Schausammlung lenken.

Wo sehen Sie die Potenziale, wo Sie sich besuchertechnisch ausbauen können?

Es macht mir wahnsinnige Freude an diesem Haus, dass wir zu jedem Zeitpunkt sehr gegensätzliche Dinge anbieten. Derzeit ist das Helmut Lang, eine Schausammlung, Gablonzer Weihnachtsschmuck und dazu Hito Steyerl. Wäre ich zu Besuch in einer anderen Stadt, wäre das für mich ein Museum, wo ich mir denken würde: Herrlich! Unsere gesellschaftspolitischen Themen kommen auch bei einem touristischen Publikum enorm gut an. „Protestarchitektur“ wie auch „Water Pressure“ hatten sehr viele Besucherinnen und Besucher. Auf der 24-Stunden-Wien-Bucket-Liste gibt es wahrscheinlich drei, vier Häuser, die sich Touristen zuerst vornehmen. Aber ich glaube, wenn man das schönste Museumserlebnis will, dann sollte man das MAK vorreihen!

MAK-Direktorin Lilli Hollein

Was Ihnen, aber auch Ihren Vorgängern am Fuß klebt, ist aber, dass das MAK bei den Besuchszahlen der Bundesmuseen Schlusslicht ist.

Wir haben 2025 – in einem Jahr, wo die wichtige Schausammlung Wien 1900 seit Mai geschlossen war – eine signifikante Besucherinnen-Steigerung von 16 Prozent geschafft. Und das mit vielen kleineren Ausstellungen und dieser Vielfalt an Themen. Bei Helmut Lang hatten wir Ende vorletzter Woche schon mehr als 20.000 Besucherinnen. Das ist für eine Ausstellung, die Mitte Dezember eröffnet hat, ein Indikator dafür, dass sie sehr gut laufen wird. Das MAK hat einfach ein Momentum, das es schon lang nicht hatte. Und ich bin überzeugt, dass da noch ein Potenzial liegt.

Ist das wirtschaftlich signifikant? Es stehen ja überall die Zeichen darauf, dass das Geld weniger wird. Und der Anteil vollzahlender Besucherinnen und Besucher im MAK lag 2024 bei 20 Prozent.

Wir haben glücklicherweise sehr viel jüngeres Publikum: Studierende, die ein ermäßigtes Ticket haben. Oder Publikum mit Seniorentickets. Das sind Angebote, an die ich glaube. Wir haben aber den Anteil der Vollzahler auch wieder um sechs Prozent gesteigert. In Sachen Sponsoring und Spenden ist uns einiges gelungen – aber wir versuchen, alles zu tun, um dieses Haus nicht nur auf sichere Beine zu stellen, sondern zu schauen, dass alles, was an rauerem Wind wehen wird, uns nicht in totale Bedrängnis führt. Wir haben analysiert, dass wir erlösseitig schon viel machen und gute Weichenstellungen haben. Und dass wir auf der anderen Seite schon überall gespart haben. Wir haben nicht mehr viele Möglichkeiten.

MAK-Direktorin Lilli Hollein

Wie würden Sie die Stoßrichtung Ihres Jahresprogramms beschreiben?

Ein Schwerpunkt ist sicher der wiederholte Blick auf einzelne Biografien – etwa bei der Fotografin Barbara Pflaum und der Textilkünstlerin Ursi Fürtler oder der Keramikerin Vally Wieselthier. Mit Letzerer setzen wir damit fort, den Kosmos der Wiener-Werkstätte-Frauenbiografien zu bearbeiten. Unsere Ausstellung zu Christoph Schlingensief knüpft an den gesellschaftspolitischen Strang an, den wir in den letzten Jahren durchgezogen haben. Wir machen keine Retrospektive, sondern werden mehrere Arbeiten im Hinblick auf ihre Aktualität zeigen.

Den Brückenschlag zum Theater macht auch Ihre Kollegin Fatima Hellberg im mumok – sie zeigt ab Juni ein Werk von Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die Sie auch am Programm haben. Ist sie Ihnen da reingegrätscht?

Ich würde das so nicht sagen. Aber wir arbeiten mit Anna Viebrock seit ca. zwei Jahren an dieser Ausstellung – es war ein Herzenswunsch, geprägt von ihren Bühnenbildern für Marthaler-Inszenierungen und andere, das Thema „Wohnen in der Zwischenkriegszeit“ mit ihr zu bearbeiten. Es geht dabei um einen elementaren Abschnitt der Möbelgeschichte. Gleichzeitig ist das eine Geschichte von Vertreibung, Vernichtung, Emigration. Die Zusammenarbeit mit Viebrock ist toll. Insofern verstehe ich, dass andere Häuser das auch gerne machen.

Sie haben bereits gesagt, dass Sie sich um eine weitere Amtszeit bewerben werden. Was sind die längerfristigen Projekte oder Ziele, die Sie für das Museum haben?

Ich glaube, das Programm ist immer ein Ausdruck einer größeren Strategie. Darüber hinaus entwickle ich mit Geschäftsführer Gregor Murth einen Zukunftsentwurf, wie wir mit dem Haus, mit der Sammlung, mit dem Potenzialen auch an der wirtschaftlichen Seite arbeiten können. Da gibt es gute Konzepte, die ich aber gerne vorher beim Ministerium abliefern möchte. Ich glaube, wir sind in einem Moment, wo wir Fahrt aufnehmen. Ich würde gerne noch ein bisschen mehr aufs Gas steigen. 

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