Die „Nora“-Show geht weiter: Vom Barbieland in die Brutalität

Zwei Stücke in Wien basieren auf dem Ibsen-Stoff: "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" und "Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken ...?"
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Simon Stone hat „Nora oder Ein Puppenheim“ in sein fulminantes Henrik-Ibsen-Epos „Das Ferienhaus“ (in der Burg) ansatzweise integriert. Aber wann hat man das feministische Stück zuletzt sehen können – und nicht eine Überschreibung? 2016 in Klagenfurt? Nun kamen in Wien zwei Produktionen heraus, die sich auf den Plot beziehen, darunter am Schauspielhaus „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“.

Bekanntlich fühlt sich Nora von den Männern nicht ernst genommen, sondern wie eine Puppe behandelt. Am Ende verlässt sie Torvald und die drei Kinder. Wie es mit ihr weiterging, malte sich Elfriede Jelinek in ihrem frühen Stück „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ aus: Der Befreiungsversuch endet in der Desillusionierung, die Frau bleibt Ware, wird ausgenutzt.

Das Bernhard Ensemble entdeckte eine verblüffende Parallelität zum „Barbie“-Film von Greta Gerwig aus 2023. Denn in diesem verlässt das Püppchen ihr „Barbieland“, um sich in der Realität zu beweisen. Mit seinem Team amalgamierte Ernst Kurt Weigel die Geschichten.

Das Himmelsgeschenk

Im Mash-up „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken ...?“ werden auch andere Quellen zitiert, etwa Bell Hooks. Es kommt aber in der äußerst schwungvollen Inszenierung von Sophie Resch nicht zu einer Überfrachtung mit Theorie: Man macht sich im zuckerlrosa ausstaffierten Off-Theater einen hinreißenden Spaß daraus, die Barbies zu karikieren – und die Kens.

In „Babsieland“ wird nach Herzenslust auf den Ballen getrippelt und grell gekichert. Blond wie eine Semmel, ist Ken ohne Babsie aufgeschmissen: Er mutiert zum schreienden Bengel.

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Erweckt durch Jelineks Buch als Himmelsgeschenk gerät die Influencerin – wie im Song „Common People“ von Pulp – in einen Supermarkt. Er nennt sich „HofHer“, da die zu manipulierende Kundschaft großteils weiblich ist. Die Frauen an der Kasse haben das andauernde Piepsen längst verinnerlicht. Nebenbei führt Rina Juniku den Machos drastisch vor Augen, dass ein „Nein“ ein „Nein“ ist. Aber leider gibt es den Superprolo-Ken, verkörpert von Weigel. Da wird das Weibchen schwach: Babsie macht die Beine breit. Nach der Hochzeit sitzt sie in der Falle.

Ibsens „Nora“ spielt aber nicht in einem Herrenhaus, sondern in einer gutbürgerlichen Wohnung. Es ist Weihnachten, ein Dienstmann bringt den Tannenbaum. Er verlangt 50 Öre, Nora gibt ihm eine Krone. Die Szene soll bloß verdeutlichen, dass sie nicht aufs Geld schaut.

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Im Schauspielhaus hingegen wird ihre Darstellerin, gespielt von Sophia Löffler, als ausbeuterische Unternehmerin gezeichnet. In Sivan Ben Yishais kapitalismuskritischer Dekonstruktion stoßen sich die Unterdrückten daran, maximal einen Vornamen zu haben – oder nur über die Funktion definiert zu sein. Geradezu traumatisiert ist der „Paketbote“, der nur „50 Öre“ sagen darf. Aber die „Nora“-Show muss weitergehen: So kommt es in der trashig-amüsanten Inszenierung von Juan Miranda nach einem traurigen „Last Christmas“ zum Aufstand: Das „Herrenhaus“ wird „kompostiert“. Mithilfe von zusammengeklebten, aufgeblasenen Mülleimersäcken, die sicher sehr gut verrotten.

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