Houchang Allahyari: "Auf Teherans Straßen riecht es nach Blut"
Von Gabriele Flossmann
„Wenn Sie mich nach meinem 85. Geburtstag fragen, dann muss ich gleich sagen: Ich feiere nicht!“ So macht der iranisch-österreichische Regisseur Houchang Allahyari gleich zu Beginn des KURIER-Interviews klar, worüber er nicht sprechen will. Kein Wunder. An seiner agilen Erscheinung wirkt nichts so, als hätte er sich je mit dem Zählen seiner Lebensjahre beschäftigt. Nach wie vor praktiziert er als Psychiater. Nach wie vor dreht er Filme. Das Geld, das er mit seinem Brotberuf als Psychiater verdient, steckt er in seine Filme. Zwei hat er gerade fertiggestellt, einen weiteren hat er im Kopf.
Houchang Allahyari kam als 19-Jähriger nach Österreich. Ein junger Perser, der in Wien zuerst Film studierte, und der dann auf Wunsch seiner Familie Mediziner geworden ist. Als Psychiater arbeitete er jahrelang in Haftanstalten für Drogenabhängige. Das Medium Film setzte er in der Therapie mit jugendlichen Straftätern ein. Seiner Wahlheimat Wien setzte er schon früh filmische Denkmale. In „I love Vienna“ (1991) thematisiert Allahyari ein ernstes Thema, das ihn bis heute beschäftigt: Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen und Wertvorstellungen.
Die gelungene Gesellschaftskomödie wurde zum größten Kinoerfolg in dem Jahr. Die Ausstrahlung über einen US-Kabelsender ermöglichte dem Film 45 Millionen internationale Zuschauer. An der Seite von Dolores Schmidinger spielte darin auch Fereydoun Farokhzad. Der bis heute im iranischen Untergrund verehrte Dichter, Sänger und Schauspieler hatte sich politisch für eine Trennung des Staates von Religion eingesetzt. Wohl deshalb wurde er – kurz nach der Premiere von „I love Vienna“ – in Bonn von Agenten des iranischen Geheimdienstes ermordet. Der Schock darüber sitzt Houchang Allahyari bis heute in den Knochen.
Als kritischer Geist kann er sich in Zeiten des politischen Aufruhrs im Iran auch in Wien nicht völlig sicher sein. Den Großteil seiner Spielfilme drehte Allahyari in Österreich und mit prominenter heimischer Besetzung. Wie „Höhenangst“ (1994) mit dem Wiener Hollywoodexport Leon Askin und Fritz Karl, die Migranten-Satire „Willkommen in Absurdistan“ (1999) mit Karl Markovics und Josef Hader, oder die schwarze Krimi-Komödie „Ene, Meine, Muh“ (2002) mit Waltraud Haas, Gunther Philipp und Karl Merkatz.
Seit einigen Jahren dreht Allahyari auch im Iran. Seine neueste Doku wartet auf den Kinoeinsatz: „Die Schule der Straßenkinder in Teheran“ erzähltvon Flüchtlingskindern aus Afghanistan, denen im Iran – aufgrund von Privat-Initiativen – die Chance ihres Lebens geboten wird: Bildung.
KURIER: Ihr neuester Film ist eine Doku über eine Schule für Straßenkinder in Teheran. Man sieht darin fröhliche junge Menschen. Wollen Sie damit von tragischen Geschehnissen ablenken, die sich gerade jetzt auf den Straßen von Teheran ereignen?
Houchang Allahyari: Sie alle sind Kinder ohne Kindheit. Ihr Elend kommt zutage, wenn sie von ihrem Alltag erzählen. Ich finde es traurig, dass ein Kind um 6 Uhr früh in die Schule gehen muss, damit es um 9 Uhr zur Arbeit gehen kann. Aber sie alle müssen als Alleinverdiener große Familien erhalten. Warum sie trotzdem fröhlich sind, hat mit den Schulen zu tun, in die sie gehen. Gehen dürfen, muss man sagen. Denn diese Kinder leben illegal im Iran. Sie sind aus Afghanistan geflüchtet und sie wissen, dass es nur eine Chance für sie gibt, um aus dem Elend herauszukommen: Bildung. Einige schaffen es sogar an eine Uni. Finanziert werden diese Schulen aus privaten Spenden – auch aus Österreich.
Hat die Flucht dieser Kinder aus Afghanistan damit zu tun, dass mit der Rückkehr der Taliban die Bildungsmöglichkeiten – vor allem für Frauen - mehr als nur eingeschränkt sind?
In Afghanistan dürfen Frauen bestenfalls in die Volksschule gehen, aber keinesfalls auf die Uni. Im Iran ist das anders. Dort sind sogar mehr als 60% der Studierenden weiblich. Zwar nur mit Schleier, aber immerhin. Die Frauen im Iran wissen noch besser als die Männer, dass Bildung der einzige Weg ist, um frei und unabhängig zu sein.
Sind deshalb die Protestbewegungen im Iran meist von Frauen ausgegangen? Wie etwa nach Jina Mahsa Aminis Tod im Herbst 2022? Sie verbrannten öffentlich ihre Kopftücher und Tausende gingen unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit" auf die Straße.
Es scheint tatsächlich so, dass die Machthaber im Iran einen Aufstand, der von Frauen ausgeht, mehr fürchten als frühere Proteste von Männern. Weil ich Filmemacher bin, möchte ich aber auch noch betonen, dass gerade Iran viele meiner Kolleginnen und Kollegen sehr viel riskieren, um mit ihren Filmen bewusst zu machen, welches Gut die Freiheit bedeutet. Es sind nicht nur die bekannten wie Regisseure Jafar Panahi. Es gibt sehr viele junge Leute, die versuchen im Underground Filme zu machen – ohne Geld. Sie sind unermüdlich, obwohl viele dieser Filme nie gezeigt werden können.
Nicht einmal im privaten Kreis?
Auch wenn man Filme nur privat zeigen will, muss man dafür die Erlaubnis vom Unterrichtsministerium haben. Und mit illegalen Vorführungen riskieren die Veranstalter Berufsverbot und Gefängnisstrafen, auch wenn dabei nur zwei bis drei Leute anwesend sind. Ich konnte nur zwei meiner Filme in Teheran zeigen – und das auch nur in der österreichischen Botschaft. Da sind wahnsinnig viele Leute gekommen. Österreich war im Iran immer sehr aktiv – aber inzwischen sind alle weg. Keiner will jetzt in Teheran sein. Ich habe keine Ahnung wie das weitergehen wird.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Berichte aus dem Iran sehen oder lesen?
Ich habe auch Patienten, die aus dem Iran emigriert oder geflohen sind. Sie haben Depressionen, die gerade in letzter Zeit immer massiver werden. Auch ich kann meine ursprüngliche Heimat nicht vergessen, obwohl ich seit vielen Jahren in Österreich lebe und in dieser Kultur und Politik integriert bin. Trotzdem – oder vielleicht auch deshalb – ist es für mich wichtig, zu wissen was dort passiert. Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, ob die Leute, die mit mir an dem Film über die „Schule für Straßenkinder“ zusammengearbeitet haben, noch am Leben sind. Vor zwei Tagen ist endlich ein Telefonat aus dem Iran zu mir durchgedrungen und meine erste Frage war: Lebt ihr alle noch? Mir wurde erzählt, dass zehntausende Menschen umgekommen sind. Und dann hat mich noch ein WhatsApp einer Bekannten erreicht. Sie schrieb: Wenn man in Teheran auf der Straße geht, riecht es nach Blut…
Könnten Sie sich vorstellen, im Iran zu leben, wenn nach der jetzigen Revolution doch noch eine Demokratie möglich wäre?
Inzwischen ist meine Verbindung zu Österreich so, dass ich nirgendwo anders in der Welt leben wollte. Auch nicht im Iran. Oft haben mich meine Geschwister gefragt, warum kommst du nicht nach Amerika? Als Psychiater könntest du hier Millionär werden. Ich will nicht übertreiben – aber ich liebe die Österreich und die Menschen hier. Es ist schwierig, überhaupt das Wort Heimat zu verwenden, aber wenn mich jemand danach fragt, wo ich mich zuhause fühle, dann lautetet meine Antwort: In Wien.
Um doch noch zum 85er zu kommen, den sie gerade NICHT gefeiert haben. Gibt es noch so etwas wie einen Geburtstagswunsch?
Es gibt ein Geschenk, das ich mir gerade selbst mache. Ich wollte noch einen Spielfilm hier in Österreich machen. Und er ist inzwischen fast fertig und spielt in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Dorthin kommt ein Psychiater und Neurologe mit der Diagnose „Demenz“ und „Selbstgefährdung“. Diese Rolle spiele ich selbst. Und dann gibt es noch viele Schauspieler und Schauspielerinnen, mit denen ich schon gearbeitet habe. Wie Proschat Madani, Harald Posch und Dolores Schmidinger. Der Film heißt „Das Brot der Verrückten“ und ist sehr lustig geworden.
Und als Psychiater wollen Sie auch noch weiterarbeiten?
Wenn ich nicht mehr als Arzt arbeite, habe ich kein Geld mehr, um Filme zu machen. Beim ÖFI, dem österreichischen Filmförderungsinstitut, sagte man mir, warum reichst du „Das Brot der Verrückten“ nicht bei uns ein? Ich sagte ihnen darauf: „Das hat keinen Zweck. Jede Einreichung dauert bei euch zwei Jahre und ich weiß nicht, ob ich in zwei Jahren noch lebe. Ich will den Film jetzt machen“ (lacht).
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