Gloria Theater: Ein nackter Wahnsinn mit glatzköpfigem Bosnigl
Das Gloria Theater ist ein gefürchteter Ort. Denn im DKT Floridsdorf dient es als Gefängnis: Man sitzt fest. Am Dienstag dauerte es fast eine Ewigkeit, bis in der einstigen Wirkungsstätte von Gerald Pichowetz, dem legendären Fünfer in der Serie „Kaisermühlenblues“, der rettende Sechser gewürfelt war. Daran hatte aber weniger Prinzipalin Claudia Rohnefeld Schuld als die Wiedereröffnung mit Glanz im Gloria.
Nicht nur Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, eher kein Fan der seichten Komödie, wohnte dem Ereignis bei: Der Bürgermeister absolvierte ein Heimspiel. Er unterstützte Pichowetz mit erstaunlichem Durchsetzungsvermögen beim Umbau des Gloria-Kinos in einen Kulturaußenposten, im Oktober 2001 eröffnet: Weil sich die Jury des damaligen Kulturstadtrats gegen eine Subvention ausgesprochen hatte, wurde ein neues Kriterium, die Lage, geschaffen, um die Unterstützung zu ermöglichen. Denn das Gloria war und ist (neben der VHS Kulturtankstelle in der Seestadt Aspern) das einzige Theater jenseits der Donau.
Gedeihliche Lösung
Dass Pichowetz einen losen Umgang mit Steuergeld hatte (der Rechnungshof staunte nur so), ließ Michael Ludwig in seiner launigen Ansprache nicht unerwähnt: „Er hat uns sehr gefordert.“ In erster Linie aber erinnerte der Bürgermeister an glorreiche Zeiten der Volksbildung. Und er freute sich sichtlich, dass nach dem Tod des Komödianten am 17. Dezember 2024 und den anschließenden Querelen samt Insolvenzverfahren eine gedeihliche Lösung gefunden wurde: Das Haus, modernisiert und mit Aphorismen über das Wesen der Komödie verziert, wird im Sinn von Pichowetz, dem ein Saal mit Memorabilien gewidmet ist, weitergeführt. Das Kulturamt lässt sich den Spaß 400.000 Euro kosten – zumindest heuer.
Als Eröffnungspremiere setzte Rohnefeld „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn an. Das klingt nicht wahnsinnig elaboriert. Aber immerhin hängt sie Wolfgang Böck ab, der die Farce ab 30. Juni auf Schloss Kobersdorf spielen lässt. Und man unterhielt sich, wiewohl das Niveau natürlich ein anderes ist, ähnlich gut wie vor fünf Jahren in der Inszenierung des damaligen Burgdirektors Martin Kušej.
Wie er verlagerte Rohnefeld zusammen mit Thomas Schreiweis die Geschichte nach Österreich – und sie legte die Latte bewusst tiefer: Eine Truppe geht mit dem Boulevardstück „Nackte Tatsachen“ auf Tournee durch die echte Provinz, von Mühldorf bei Brixen über Ottenschlag bis nach Hollabrunn.
Rustikale Variante
Das Bühnenbild in der Burg war weit mondäner, aber im Prinzip ähnlich zur rustikalen Variante im Gloria Theater von Robert Notsch. Es braucht eben sieben Türen und ein Fenster, um dem Wahnsinn freien Lauf lassen zu können.
Im ersten Akt verfolgt man die Hauptprobe: Die Dotty Haferl der Steffi Paschke kommt als Haushälterin mit den Requisiten (Telefon, Sardinen, Zeitung) nicht zurande, und Géza Terner stellt als zartbesaiteter Frederick immer wieder Logikfragen. Der Regisseur Dallmayer des Andreas Steppan wahrt mit zum Reißen angespannten Nerven Engelsgeduld.
Doch er hat sich mit zwei Schauspielerinnen auf ein Abenteuer eingelassen (geht in Zeiten von #MeToo eigentlich gar nicht mehr): Im zweiten Akt, einem Blick hinter die Kulissen, fliegen die Fetzen. Da rastet auch der Darsteller des Immobilienmaklers aus: Christoph Fälbl ist als Louis-de-Funès-Bosnigl schlichtweg eine Wucht. Der dritte Akt mündet, wie kann es anders sein, im Chaos. Aber das Timing passt.
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