Wenn die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmilzt
Geoffroy Jourdain und sein Ensemble Le Cris de Paris brachten das Auftragswerk „VicentinoOo“ von Komponistin Francesca Verunelli zu Gehör.
Die elektrisierenden Klänge zweier verstärkter Harfen vermischen sich mit den Stimmen der Sängerinnen und Sänger. Das klingt so, als würde Musik aus einer längst vergangenen Zeit in die Gegenwart tönen. Die Art, wie der intensive Gesang subtil mit sphärenartigen Klängen verschmilzt, hat etwas Verstörendes.
Das Klanggewebe erfüllt den Saal des Mozarteums, zieht in seinen Bann, entwickelt einen Sog, der magnetisiert. So klingt „VicentinoOo“ von Francesca Verunelli. Der französische Dirigent Geoffroy Jourdain, Spezialist für Alte Musik, hat das Werk bei der italienischen Komponistin für sein Ensemble Le Cris de Paris in Auftrag gegeben und auf seinem Album „Strana armonia d’amore“, eine Anthologie mit Stücken über Musik und Liebe von Renaissance-Komponisten, eingespielt. Bei den Salzburger Festspielen gab er mit seiner formidablen Formation den Auftakt für die beiden Porträt-Konzerte dieser Tonschöpferin. (Im zweiten Teil am 12. August führt das Klangforum Wien ihre Komposition „Nuda Voce“ auf.)
Wie sich Verunellis fünfsätziges Stück zur Alten Musik fügt, lässt aus dem Staunen nicht herauskommen. Doch so seltsam das anmutet: Es demonstriert, wie sich Musik über die Zeiten hinwegsetzt und Vergangenheit und Gegenwart in einen fesselnden Dialog treten lässt.
Lust am Experimentieren
Als Basis nahm Verunelli zwei Madrigale von Nicola Vicentino. Doch sie schafft keine herkömmliche Transformation dieser Werke. Sie spielt mit den Kompositionstechniken aus der Vergangenheit. Man muss kein Spezialist für Kompositionstechnik sein, um die Magie von Verunellis Musik zu spüren.
Was die Italienerin mit ihrem Landsmann aus dem 16. Jahrhundert verbindet, ist die Lust am Experimentieren. In Interviews betont sie immer wieder, dass Komponieren für sie die „Schrift der Zeit“ sei. Einmal beschrieb sie sich als „Filter der Welt“, denn ihre Musik spiegle ihre Wahrnehmung wider.
1979 in der Provinz Lucca geboren, zählt Verunelli zu den zentralen Persönlichkeiten zeitgenössischer Musik. 2010 wurde sie mit dem Silbernen Löwen der Biennale Musica von Venedig ausgezeichnet, 2020 mit dem Förderpreis Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung. 2022 erhielt sie den 41. Abbiati-Preis der Musikkritik. Das Orchestre Philharmonique de Radio France, IRCAM (das von Pierre Boulez gegründete Forschungszentrum für Neue Musik), die Neuen Vocalsolisten Stuttgart und das Orchestre Philharmonique de Radio France sind nur einige, die bei ihr Werke in Auftrag geben. Zuletzt war sie bei Wien modern vertreten. In der kommenden Spielzeit widmet ihr die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien einen Schwerpunkt.
Das Salzburger Publikum bejubelte die Komponistin und die exzellenten Interpreten. Es mag ein kurioser Zufall sein, klingt aber irgendwie nach Ironie: Während im Mozarteum eine der aufregendsten Komponistinnen ins Zentrum gerückt wird, diskutiert man in einem Symposium über die geringe Anzahl von Künstlerinnen bei den Festspielen ...
Kommentare