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Festwochen der Alten Musik: Der goldene Apfel gebührt Miss Europa

Die mehr als siebenstündige Oper „Il pomo d’oro“ von Pietro Antonio Cesti fasziniert als Rekonstruktion an zwei Abenden
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Von: Helmut Christian Mayer

Mehr als sieben Stunden reine Musik mit 20 Sängerinnen und Sängern in 47 verschiedenen Rollen. Dazu kommen noch unzählige Bildwechsel und Bühneneffekte: Pietro Antonio Cestis „Il pomo d’oro“ ist wahrlich ein barockes Mammutwerk.

Und so etwas muss man erst einmal stemmen. Aber zum 50. Jubiläum der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik will man nicht kleckern, sondern diese Oper am Tiroler Landestheater – aufgeteilt auf zwei Abende – präsentieren und alles bisher Gezeigte in den Schatten stellen.

Ursprünglich geplant zur Hochzeit des Habsburg-Kaisers Leopold I. mit der Infantin Margarita Teresa von Spanien, denen der Prolog gewidmet ist, wurde die Uraufführung verschoben. Die möglicherweise längste und aufwendigste Barockoper aller Zeiten – komponiert vom damaligen Hofkapellmeister Cesti, das Libretto stammt vom Hofpoeten Francesco Sbarra – wurde in Wien schließlich im eigens errichteten „Theater auf der Cortina“ mit 5.000 Plätzen nahe der Burgbastei 1668 zum Geburtstag der Kaiserin Margarita Teresa – ebenfalls an zwei Abenden – gegeben und dann noch ein weiteres, letztes Mal gezeigt. Dann geriet das Werk auch wegen des enormen Aufwands in Vergessenheit.

Jetzt wurde es von Ottavio Dantone, dem musikalischen Leiter der Festwochen und Dirigenten der Aufführung, rekonstruiert. Er hat die verschollenen Akte 3 und 5 mit Skizzen und Fragmenten aus anderen Stücken von Cesti ergänzt, sodass diese Festoper zum Jubiläum zum ersten Mal seit ihrer Uraufführung wieder komplett erklingen kann. Wobei schon die Urfassung nicht nur von Cesti stammte: Der musikbegeisterte Leopold schrieb die Musik für zwei Szenen, Johann Heinrich Schmelzer jene für die langen Ballette.

Das Werk behandelt die Vorgeschichte des trojanischen Krieges: Weil die Göttin der Zwietracht (bösartig: Ester Ferraro) im Gegensatz zu allen anderen Gottheiten nicht zu einer Hochzeit geladen war, warf sie einen goldenen Apfel in den Festsaal – mit der verhängnisvollen Inschrift „Der Schönsten“. Dieser wurde sofort von Juno, Venus und Pallas Athene beansprucht. Paris wurde von Jupiter zum Schiedsrichter bestimmt und übergab ihn der Venus. Damit entfalteten sich Intrigen, Rivalitäten und Liebesverstrickungen.

Große Schauwerte

Regisseur Fabio Ceresa und sein Team (Bühne: Nikolaus Webern, Kostüme: Giuseppe Palella) bieten eine amüsante, abwechslungsreiche Folge von Bilderwelten mit großen Schauwerten, wobei die Götterwelt mit Wolken und Säulen sowie üppigen Kostümen historisch-stilisiert bleibt, während die handyaffinen Sterblichen in modernen Outfits und schicken Schlaf- und Wohnzimmern gezeigt werden. Die Figuren werden spielerisch leicht, auch mit augenzwinkernden Gags geführt.

Ceresa setzt auch alle Bösartigkeiten und ironischen Anspielungen von Sbarras erstaunlich aktuellen Texten kongenial ins Bild. Die Solisten, alle in mehreren Rollen, bieten meist exzellente Leistungen. Herausragend etwa Mathilde Ortscheidt als die von Paris verlassene Ennone mit dunkel-weichem Alt.

Paris wird von Mauro Borgione mit nuancenreichem Bariton gesungen. Wunderbar, mit saubersten Koloraturen, auch die drei Göttinnen, die meist beim Erscheinen auf einer Wolke herabschweben: Sophie Rennert (Juno), Jone Martínez (Venus) und Shira Patchornik (Athene).

Geschmeidig im Fatsuit

Rocco Cavalluzzi mimt den bissig kommentierenden Momus mit mächtigem Bass. José Coca Loza (Pluto und Charon) ist mit profundem Bass zu erleben. Urwitzig: Alberto Allegrezza als Amme Filaura im Fatsuit. Geschmeidig auch Margherita Maria Sala (Alceste) und Jiayu Jin (Amor). Gut auch der Chor NovoCanto. Ottavio Dantone erweist sich als bester Sachwalter dieser genialen Musik und leitet die Accademia Bizantina vom Cembalo aus. Hier wird mit fein dosierter Lebendigkeit, großer Stilsicherheit, poesievollem Nuancen- und Emotionsreichtum musiziert.

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Die Göttinnen schweben auf einer Wolke herab: Sophie Rennert und Rocco Cavalluzzi

Am Ende löst Jupiter (edel: Giacomo Nanni) den Streit der drei Göttinnen und überreicht den Apfel einer Frau, die alle Tugenden in sich vereint. War bei Sbarra damit Leopolds Gattin Margarita Teresa gemeint, so wird in Innsbruck eine Miss Europa ausgezeichnet. Aber damit niemand gekränkt ist, gibt es letztlich sowieso goldene Äpfel für alle.

Großer Jubel!

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