© Kurier/Jeff Mangione

Interview
11/02/2019

Emily Beecham: "Die Chance, dass es ins Auge geht, ist groß"

Die Britin spielt in Jessica Hausners „Little Joe“ eine Genetikerin und wurde in Cannes ausgezeichnet.

von Alexandra Seibel

Nicht der Job, ein Mann oder das Kind machen glücklich, sondern eine ... Pflanze. Sie heißt „Little Joe“ und wird von einer Wissenschaftlerin namens Alice liebevoll gezüchtet. Doch die Pflanze verströmt einen Geruch, der nicht nur glücklich macht, sondern auch ... verändert.

Die 35-jährige Britin Emily Beecham – übrigens während der Viennale auch auf Wien-Besuch – spielt in Jessica Hausners stilsicher inszeniertem, coolen Thriller „Little Joe“ (derzeit im Kino) die Genforscherin Alice, deren Leben zunehmend außer Kontrolle gerät.

KURIER: Sie haben für Ihre Rolle einer sehr unterkühlten Wissenschaftlerin den Preis als beste Schauspielerin in Cannes bekommen. Hat Sie das überrascht?

Emily Beecham: Das kann man wohl sagen, zumal die Figur der Alice ausgesprochen schüchtern und zurückhaltend ist. Normalerweise wird man als Schauspielerin ja dazu ermutigt, aus sich heraus zu gehen und Gefühle zu zeigen. Jessica Hausner hat sehr genaue Vorstellungen davon, was sie möchte, und oft musste ich das genaue Gegenteil von dem spielen, was ich üblicherweise spielen soll. Ich muss gestehen, ich war etwas nervös, als ich mich dann das erste Mal in dem Film auf der Leinwand sah. Ich dachte, die Chance besteht, dass meine Rolle bei der Kritik nicht so gut ankommt. Insofern war der Preis dann doch eine Art Schock, zumal Jessicas Film ja auch einer ist, der bei den Leuten oft nachwirken muss.

Jessica Hausner ist bekannt für ihre große Genauigkeit in der Inszenierung. War das für Sie schwierig zu spielen?

Ja, Jessica ist sehr präzise. Und ja, das war eine massive Herausforderung. Wir drehten eine lange Einstellung oft an die zwanzig Mal. Man musste sich sehr viel merken, weil alles auf die Sekunde genau aufeinander abgestimmt und choreografiert war. Viele Szenen haben auch eine ganz bewusste Künstlichkeit, insofern musste man eine gute Balance zwischen Naturalismus und Artifizialität finden. Als Schauspielerin geht man beim Spiel dabei ein großes Risiko ein, weil die Chance, dass es ins Auge geht, ziemlich groß ist (lacht). Glücklicherweise sieht man, dass der Film absichtlich so stark stilisiert ist.

Sie spielen eine Naturwissenschaftlerin, die ehrgeizig ihren Job macht. Fanden Sie leicht den Zugang zur Figur?

Ich finde schon. Alice steht unter starkem Konkurrenzdruck und wendet sehr viel Zeit für ihren Job auf. Aber sie liebt ihn und findet ihn interessant. Das ist durchaus mit meiner Arbeit als Schauspielerin vergleichbar. Ich habe keine Kinder, aber ich kann mir vorstellen, wie schwierig es wäre, sich um Kinder zu kümmern und gleichzeitig eine Karriere zu verfolgen. Jessica Hausner gelingt es auch gut, all die Zwischentöne herauszuarbeiten: Alice leitet das wissenschaftliche Labor, sie ist die Beste im Job. Ihre Kollegen müssen das akzeptieren, auch wenn sie insgeheim ein Problem damit haben. Alice ist eine zarte Person, und manche Leute meinen vielleicht, man könne leicht über sie hinweggehen. Aber sie macht ihre Standpunkte klar und hält daran fest.

Es geht also auch darum, sich als Chefin zu behaupten?

Meiner Ansicht nach gibt es viele Parallelen zwischen der Geschichte von Alice und jenen Erfahrungen, die Frauen in der Arbeitswelt machen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Jessica als Regisseurin in einem sehr männlich dominierten Beruf ähnliche Erlebnisse hatte.

Apropos Beruf: Wie haben Sie sich die Rolle erarbeitet?

Zuerst einmal gingen wir alle in ein Labor und haben uns dort mit den Tätigkeiten vertraut gemacht. Dann haben wir uns intensiv über Alices Unsicherheiten und ihr Privatleben unterhalten. Dazu habe ich mich vor allem mit der französischen Genetikerin Emmanuelle Charpentier und der Schimpansenforscherin Jane Goodall beschäftigt. Charpentier sagte in Interviews, dass sie so gut wie keine Zeit für ein Privatleben habe. Auch Goodall sagte – und das fand ich ziemlich traurig – dass sie für ihre Forschungen teilweise die Beziehungen zu ihrem Mann und ihrem Sohn opferte. Das sei für sie eine Quelle des Schmerzes, aber sie habe sich gleichzeitig ihrer Arbeit so verbunden gefühlt. Über diese Dinge habe ich viel mit Jessica geredet.

 

Alice hat ja auch Angst, als Mutter zu versagen.

Genau. Alice ist auch Mutter und unsicher, was ihr Privatleben angeht. Die Beziehung zu ihrem Sohn ist nicht immer perfekt: Manchmal empfindet sie ihn als Belastung, aber das kann sie nicht zugeben, weil das ein Tabuthema für Frauen ist. Daher leidet sie deswegen auch unter Schuldgefühlen.

Jessica Hausner sagte, sie hätte sich Sie für die Rolle gewünscht, weil Sie fragil und empfindsam seien, aber auch wie ein Panzer durch die Wand fahren können.

Oh wirklich? Cool! (lacht). Es ist immer wunderbar, wenn man nuancierte Rollen spielen kann, wo Frauenfiguren auch Widersprüche beinhalten. In meinen Zwanzigern hatte ich eine recht frustrierende Phase der „hübschen Rollen“, die in erster Linie dazu gedient haben, möglichst attraktiv auszusehen. Das war nicht meine Stärke. Aber gerade im meinem Alter habe ich nun das Gefühl, dass die Rollen so facettenreich geworden sind, wie ich es mir immer gewünscht habe. Und das macht großen Spaß.

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