Elias Hirschl: Von Eigenbrötlern und Gespenstern
Da die Mathematik, dort die Geisteswissenschaften. So lernten wir es in der Schule. Mathe nicht zu mögen, war okay, wenn man dafür gut in Deutsch war. Dabei hat Mathematik, so weltfremd sie manchmal auch vermittelt wird, mit allem zu tun. Ende der 1970er-Jahre war das Buch „Gödel, Escher, Bach“ des US-amerikanischen Physikers Douglas R. Hofstadter ein Bestseller, von dem alle sprachen. Es verbindet das Werk des Mathematikers Kurt Gödels mit den schwindelerregenden Zeichnungen des Grafikers M. C. Escher und der Kunst der Fuge Johann Sebastian Bachs. Das Verbindungselement: Schleifen, geschlossene Kurven als Symbol für Wiederholung und Unendlichkeit.
„Schleifen“ heißt auch das neue Buch des Wiener Autors und Musikers Elias Hirschl, in dem sich ein Mathematiker und eine Sprachwissenschafterin auf die Suche nach der perfekten Sprache machen. Die Hauptfiguren hat Hirschl erfunden, die Hintergründe nicht. So tauchen der Mathematiker Kurt Gödel, der Philosoph Ludwig Wittgenstein oder der Physiker Moritz Schlick öfter auf. Alle waren Mitglieder des Wiener Kreises, der sich von 1924 bis 1936 in Wien traf, um wissenschaftsfeindlichen Tendenzen klare Sprache und Logik entgegenzuhalten.
Der Wiener Kreis ist das Setting für diesen Roman, in dem es um Sprache als Mittel der Weltbeschreibung, und zwar in allen möglichen Formen, geht. „Mathematik will die Welt auf logischer Ebene beschreiben, die Literatur versucht das auf Geschichtenebene. Beides hängt zusammen. Versuche, eine Universalsprache zu finden, beruhen auf Logik. Also kann man sagen: mathematische Logik ist die grundlegendste aller Sprachen“, sagt Hirschl. Neben der Suche nach der Universalsprache bietet „Schleifen“ so etwas Ähnliches wie eine Liebesgeschichte, etliche wissenschaftshistorische Aha-Momente (viele erfunden, viele wahr) und einiges zu lachen. Hirschl ist ein begnadeter Satiriker. Als Schüler war Hirschl übrigens nicht berühmt in Mathematik. Auch er hat noch diese Trennung serviert bekommen: Da die angeblich exakten Naturwissenschaften, dort die angeblich nicht so exakte Geschichte und die Literatur. „Ich habe erst im Philosophiestudium verstanden, wie sehr alles miteinander zu tun hat, und plötzlich habe ich Mathematik cool gefunden. “
So abstrakt manchmal die Wissenschaft, so spannend das Leben derer, die sie betreiben: Mathematiker sind in der Literatur gut vertreten. Als Autoren wie als Protagonisten. Romane und Theaterstücke erzählen von Kurt Gödel oder Carl Friedrich Gauß (etwa Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“) und auch die britische Mathematikerin Ada Lovelace, Tochter des Dichters Lord Byron, wurde literarisch verewigt.
Kein Zufall, sagt Hirschl. Das Leben von Mathematikern ist oft reichlich aufregend. Vorbild für die Figur seines Protagonisten Otto Mandl war der Ungar Paul Erdős, einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Er führte ein bemerkenswertes Leben, machte ständig Witze und stellte sich gerne als „PGOM“ – „poor great old man“ vor.
„Von ihm gibt es sehr viele ungelöste Probleme (einige seiner bis dato unbewiesenen Vermutungen konnten jetzt mit KI bewiesen werden, Anm.). Es fasziniert mich, wie sich Leute in Großprojekten verrennen können, was in der Mathematik oft vorkommt. Das ist beim Schreiben genau so. Da gibt es Projekte, wo sich einzelne Menschen jahrzehntelang isolieren, und am Ende kann es niemand lesen, weil es so kryptisch geworden ist.“
Probleme lösen – oder eben nicht lösen – ist eine einsame Angelegenheit. Anders als in anderen Wissenschaftsgebieten, wo oft in Gruppen gearbeitet wird. Das Eigenbrötlertum verbindet den Mathematiker mit dem Schriftsteller. „Ich glaube, dass es bei beiden ähnliche Denkprozesse gibt“, sagt Hirschl und fügt hinzu: „Ich bin kein Mathematiker, ich verfolge das aus interessierter Laiensicht. Wenn ich abends Zeit habe, rechne ich an irgendwelchen Problemen herum.“
Was er abends sonst noch macht? Zum Beispiel Musik. 2020 gründete er mit dem Rapper und Produzenten Christopher Hütmannsberger das Duo „Ein Gespenst“. Viele ihrer Songs, etwa „Ich tanze nur aus Höflichkeit“, funktionieren auch als Kurzgeschichten.
Sprache zieht sich durch alle Projekte Hirschls. Sie war Thema in seiner Digitalisierungsdystopie „Content“ und natürlich auch in der Polit-Satire „Salonfähig“ über Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz und seine Entourage. Dafür recherchierte Hirschl viel über das Kommunikationsinstrument NLP, das „neurolinguistische Programmieren“, das in der Politik oft benutzt wird. Manche halten das für Manipulation. Andere hingegen für eine Sprache, die alle verstehen.
Elias Hirschl:
„Schleifen“
Zsolnay.
416 Seiten.
27,95 Euro