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Elfriede Jelineks „Unter Tieren“: Mit Karacho in die Katastrophe

Salzburger Festspiele: Nicolas Stemann gestaltete eine monströse Revue mit Glanzlichtern, einigen Durchhängern und einem deprimierenden Ende
SALZBURGER FESTSPIELE 2026: FOTOPROBE ?UNTER TIEREN?

George Orwell beschrieb in „Animal Farm“ die Auswüchse des Kommunismus, Elfriede Jelinek rechnet in „Unter Tieren“ mit dem Kapitalismus ab. Sie lässt Tiere über das räsonieren, was sie nicht verstehen können: über Kredite, Briefkastenfirmen, Immobilienspekulationen, über Geschäfte, Gläubiger und die Gläubigeren. Über das Geld, das in die Karibik fließt, wo es (weiß) gewaschen wird, bis es sprudelt. Über die Armen, die arm bleiben, und die Reichen, die immer reicher werden.

Das Ganze sei eine „Wirtschaftskomödie“ – wie Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ aus 2009. „Unter Tieren“ endet jedoch ziemlich trostlos: Die Nobelpreis-Kassandra, die im letzten Kapitel durch einen Hundekadaver spricht, prophezeit „rasende Feuerstürme“ und „sommerliche Dürre“ (das Buch erschien im Juni). Aber zumindest ist „Unter Tieren“ keine reine Textfläche, es gibt Charaktere, Monologe, Interaktion – und sogar einige Regieanweisungen: Das Känguru zum Beispiel „schaut mißtrauisch in seinen Beutel“.

Der Bärenkalauer

Natürlich hat „Unter Tieren“ einen gewissen Witz. Sogar in der Abfolge der Sprechenden steckt ein solcher. Denn es taucht ein Bär auf – und wenig später die Pflanze Bärenklau, die auch Bärentatze genannt wird, aber Bärenklau ist in Zusammenhang mit Abzocke naheliegender, und so gibt es den „Bärenkalauer“ …

Und doch: „Unter Tieren“ zu inszenieren, ist eine Herausforderung. Denn allein die Auslassungen der Kuh über das Schicksal als Nahrung nehmen kein Ende, und mitunter beschleicht einen das Gefühl, dass man die eine oder andere Passage auslassen könne. Jelinek weiß es selbst, dass sie wieder einmal „zu viel gesagt“ hat, an die 220 Seiten in Buchform. Aber zum Glück hat sie ja Nicolas Stemann, der schon mehrere ihrer „Stücke“ erstrahlen ließ.

Auch bei „Unter Tieren“ macht er sich Jelineks überbordendes Lamento zu seiner eigenen Angelegenheit: Er führt als gewitzter, aufmunternder Moderator (und Musiker) durch die Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Burgtheater. Zu Beginn der Uraufführung am Sonntag auf der Perner-Insel von Hallein warnt er, dass man sich keine klassische Inszenierung erwarten solle, und die Vorgabe habe gelautet, dass der Abend nicht länger als vier Stunden dauern dürfe. Mithin ist bereits klar: Nicht alle Tiere werden zu Wort kommen dürfen.

Die Absetzbewegung

Zudem wurde die Pause gestrichen. Aber man könne rausgehen, was trinken, die Aufführung über Screens verfolgen. Nach eineinhalb Stunden setzte eine gröbere Absetzbewegung ein, draußen unterhielt man sich blendend. Die Bildschirme zeigten nur die Totale, man verstand ob des Geschnatters so gut wie nichts. Bei einer Szene jedoch (nach mehr als zwei Stunden) zahlte es sich voll aus: Die als Stockenten kostümierten Ensemblemitglieder watschelten durch den Innenhof der ehemaligen Salzlagerstätte.

Das Interludium

Danach sammelten sie im Rahmen des Jelinek-Hochamts Geld ein: für Wolfgang Porsche. Erfolgreich hatte er um einen Privattunnel samt Lift zur Stefan-Zweig-Villa auf dem Kapuzinerberg gekämpft, die man schon vor Jahren zu einem Zentrum für den Schriftsteller machen wollte. Doch nun verkauft er das Schlösschen – weil, wie Stemann behauptet, Salzburg „reichenfeindlich“ sei. Mit der Kollekte soll dem Milliardär (der das Anwesen der Stadt auch schenken könnte, ohne zu verarmen) bewiesen werden, dass dem nicht so ist.

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Gehört alles der Mama ...

Dieses Interludium steht nicht bei Jelinek. Wie fast alles, das Pfeffer hat. Aber die Autorin liefert eben die Basis, und Stemann macht was Tolles draus. Auch dieses Mal. Wenngleich der Countdown – die Revue begann auf Seite 110 der Textfassung – kein dramaturgischer Knüller ist. Zumal sich Stemann mitunter viel Zeit lässt. Und die Aufführung stellenweise nicht über die „Urlesung“ in der Burg hinauskommt: Ensemblemitglieder sitzen im Neureichen-Setting (Bühne von Katrin Nottrodt) an einem Marmortisch, die gelesenen Blätter fallen mit großer Geste zu Boden … Dann wird ihnen der Sessel unterm Hintern weggezogen – von Gestalten mit René-Benko-Masken. Gehöre alles der Mama!

SALZBURGER FESTSPIELE 2026: FOTOPROBE ?UNTER TIEREN?

Peter Thiel, computeranimiert, als Gottseibeiuns: Die Blasmusik übertönt seine hohlen Sätze, der Untergang aber ist nicht aufzuhalten. Zum Schluss kracht das Bühnenbild (fast) zusammen

Wieder einmal lässt Stemann alles aufbieten: hinreißende Kostüme (von Marysol del Castillo), Video, Musiker mit großem Instrumentarium und zusätzlich eine Blasmusikkapelle. Und auch das Ensemble (u. a. mit Azaria Dowuona-Hammond und Thiemo Strutzenberger) gibt alles.

Die Live-Zuschaltung

Branko Samarovski verbreitet als Schlächter Angst und Schrecken, Caroline Peters und Mavie Hörbiger werfen sich mit Enthusiasmus in die Schlacht, Inge Maux darf entfernt Jelinek ähneln. Und Sebastian Rudolph stiehlt als lispelndes Häschen allen die Show, wenn er die Geldvermehrung anhand eines Laibs Brot in Schnitten um je eine Mark (wegen Zuckerberg) erklärt. Stemann gesteht gleich ein, dass dieses Solo nicht von Jelinek stammt. 

Auch die computergenerierte „Live-Zuschaltung“ von Peter Thiel samt Watsche für den Festwochenintendanten (Greta Thunberg habe „mehr Humor als diese Cancel-Milo aus Wien“) ist frei dazuerfunden. Aber sie gibt Stemann die Möglichkeit, Jelineks Klage über den Umgang mit den Tieren in eine beklemmende Richtung zu lenken: Das Finale (mit Karacho, es gibt Streichungen en masse) wird ohne Schauspieler bestritten, die Bühne kracht in sich zusammen, man wird überschüttet mit KI-Animationen ...

Trotz einiger Durchhänger: Der Jubel war nach dreidreiviertel Stunden groß. Wie Stemann das im Burgtheater (ab 4. September) umsetzen will? Gute Frage!

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