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Kritik
07/28/2021

"Elektra" bei den Salzburger Festspielen: Das wilde Tier und der Blutrausch

Wiederaufnahme der „Elektra“ von Richard Strauss in der Felsenreitschule mit Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker und Krzysztof Warlikowski als Regisseur.

von Gert Korentschnig

Reden wir zunächst einmal vom Klang.

Bei der Wiederaufnahme der „Elektra“ von Richard Strauss in der Salzburger Felsenreitschule sitzen die Wiener Philharmoniker, dirigiert von Franz Welser-Möst, im Orchestergraben. Und schon nach wenigen Minuten ist man begeistert über den Farbenreichtum, über die Fülle, die Pracht, die dramatischen Akzente, später dann über die Zwischenspiele, über die wienerische Note – selbst dort, wo es um pure Attacken, um Gewalt geht, glaubt man eine Spur von Leichtigkeit und Walzernähe zu vernehmen.

Wenn man sich dann erinnert, dass man tags zuvor das musicAeterna Orchestra von Teodor Currentzis bei „Don Giovanni“ hören konnte, wird klar, wie dünn und verloren, wie schroff und vordergründig ebendieses im Großen Festspielhaus doch klang.

Nun sind derlei Vergleiche freilich problematisch, weil es sich um völlig unterschiedliche Zugänge (und leider auch um Ideologien) handelt. Aber die herausragende Qualität der Philharmoniker, noch dazu als Strauss-Orchester (und auch bei „Don Giovanni“), wird wieder einmal deutlich.

Der Dirigent

In der Lesart von Welser-Möst macht jede Phrase dramaturgisch Sinn, „Elektra“ ist bei ihm nicht nur ein Meilenstein der Moderne und finaler Punkt der radikalen Schaffensperiode von Strauss, er gibt mit diesem Werk auch einen Ausblick, was danach kommt, nämlich eine neue Ästhetik mit spätromantischen Klängen. Mit Präzision und Wucht gestaltet das Orchester die massiven Blöcke voller Dissonanzen, um in Zwischenspielen Poesie und Schönheit zu zelebrieren. Ein musikalischer Erfolg, der auch durch Kongenialität mit der szenischen Gestaltung besticht.

Der Regisseur

Krzysztof Warlikowski hat seine Inszenierung auch im zweiten Jahr betreut und zeigt das Rachedrama als packenden Thriller. Elektra ist von Anfang an das wilde Tier, das nur darauf wartet, dass die Mutter durch Orest getötet wird. Die tragische Vorgeschichte der Atriden schwingt stets mit, in einer Art Badeanstalt wollen die Protagonisten die Schuld von sich waschen, was aber nicht gelingt. In die archaische Felsenreitschule hat das Regieteam einen Glaskubus als Palast von Mykene gebaut, in dem sich die abgeschlossene Gesellschaft vor dem drohenden Tod fürchtet.

Elektras Schwester Chrysothemis ist völlig anders drauf, sieht aus wie eine Mode-Influencerin und will das Leben genießen. Klytämnestra zeigt der Regisseur als verzweifelte, nicht nur dämonische Frau. Hier sind irgendwie alle schuld am Familienschicksal – und wenn sich am Ende die auf die Felswand projizierten Fliegenmassen ums Blut drehen, weiß man, dass es fürderhin nicht besser wird. Eine beeindruckende psychologische Studie, ganz aus dem Libretto Hugo von Hofmannsthals entwickelt.

Die Sängerinnen

Auch die Besetzung ist erstklassig. Ausrine Stundyte singt die Elektra ausreichend dramatisch, aber nicht nur brüllend, sicher in der Höhe, in jedem Moment ausdrucksstark. Tanja Ariana Baumgartner ist ein Glücksfall von einer Klytämnestra, stimmlich mächtig in allen Lagen, enorm wortdeutlich. Vida Miknevičiūtė singt bis 18. August anstelle von Asmik Grigorian, die in Bayreuth als Senta engagiert ist, die Chrysothemis – und ist ein vollwertiger Ersatz mit schönem, klarem, durchaus kraftvollem Sopran.

Christopher Maltman ist ebenfalls neu in dieser Produktion und besticht als Orest. Auch sämtliche kleineren Rollen sind gut besetzt. Eine Produktion, bei der so gut wie alles stimmt.

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