Eine Zimmerreise im Herz der österreichischen Avantgarde

Die Malereien der Fotografin und Filmerin Friedl Kubelka vom Gröller faszinieren in einer Kabinettschau im Belvedere 21.
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Im Kurzfilm „Secret Identities of a Psychoanalyst“ sieht man Friedl Kubelka dabei, wie sie ihren Atelier- und Lehrraum in ein Praxiszimmer umbaut: Stühle und Filmprojektor-Ständer raus, Couch und Therapeutenstuhl rein.

Der Raum existiert in der Wiener Gartengasse tatsächlich, und als die gelernte Fotografin und autodidaktische Filmemacherin ab 1997 eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin absolvierte, sah ihre Alltagsrealität wohl ähnlich aus: In ihrem Werkbereich entspann sich ein Kaleidoskop an Aktivitäten und Identitäten.

Im Souterrain des Belvedere 21 ist das Atelier durch eine geschickte Ausstellungsarchitektur angedeutet: Ein „Raum im Raum“ mit angedeuteten Dachschrägen deutet hier die Enge des Raums an und drängt zur Konzentration auf die kleinformatigen, höchst präzise gemalten Bilder der 1946 geborenen Künstlerin, die sich als Fotografin Friedl Kubelka und als Filmemacherin seit 2009 Friedl vom Gröller nennt.

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Die Malerei, bisher so gut wie nie gezeigt, fasziniert auch ohne Kenntnis des weiteren Oeuvres der Künstlerin, die durch die Gründung der „Schule für künstlerische Fotografie“ (2001) und die „Schule für unabhängigen Film“ (2006) auch eine Generation österreichischer Kreativer nachhaltig prägte. Die seit den frühen 1970er-Jahren entstandenen, sehr exakt gestalteten Blätter lassen zunächst eher an mittelalterliche Buchmalerei denken als an das Werk einer Person, die stets der Avantgarde des 20. Jahrhunderts nahe stand.

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Doch Kubelka/vom Gröller sah darin offenbar nie einen Widerspruch. Viele Bilder schließen docken an uralte Traditionen an – Peter Kubelka, der erste Ehemann der Künstlerin, wird etwa in zwei Porträts frontal mit einer Art Heiligenschein dargestellt und ist zugleich von einem Doppler (wohl in Anspielung an den Freund und Mitstreiter Hermann Nitsch) und mit sexuellen Symbolen flankiert. Die Blätter sind oft mit persönlicher Symbolik aufgeladen, viele entstanden an Wendepunkten des Lebens (etwa die „Heiratsurkunde“ 1978/’81 oder die „Geburtsurkunde“ der Tochter 1979).

Die inhaltliche Dichte allein würde die Malereien aber noch nicht über den Status bloßer Andenken- und Anekdotenwerke hinaus heben. Dafür sorgt das avancierte Raum- und Bildverständnis, das – bewusst oder unbewusst – auch Querverbindungen zu Kubelkas filmischen und fotografischen Arbeiten erkennen lässt.

Verdichtet

„Neuffers Zimmer“ etwa – ein Blatt von 1974, das über Umwege in die Belvedere-Sammlung gelangte und eine Art Kristallisationspunkt für die Ausstellung darstellt – ist eine surreal anmutende Darstellung, die besagtes Zimmer in einer verzerrten Draufsicht und einem Grundriss wiederzugeben und obendrein auseinanderzuklappen scheint.

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In anderen Werken („Der Besuch“, 1975) öffnen sich Räume im Hintergrund, verschiedene Bilder und Erzählräume sind ineinander verschachtelt (auch hierfür gibt es Vorbilder im Mittelalter): Während Kubelka/vom Gröller in ihren „Tagesporträts“ und „Jahresporträts“ Bilder in Serien aufnahm und das fotografische Einzelbild in Richtung Film erweiterte, scheint sich in den Gouachen eine Langzeiterzählung in ein einziges Bild drängen zu wollen. Dabei entsteht eine einnehmende Intimität, die unmittelbar berührt. Kennern der heimischen Avantgarde wird sie noch einiges zu Entschlüsseln geben. Bis 7. 6.

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