Die Torakrone in der Truhe und das Toraschild aus Erlach

Synagoge St. Pölten: Martha Keil zeigt in der Schau „Geraubte Heiligkeit“ sieben exemplarische Judaica aus Niederösterreich.
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In jedem Toraschrein einer Synagoge stehen mindestens zwei große Pergamentrollen mit den fünf Bücher Moses. Als heilige Gegenstände werden sie mit einem Band zusammengehalten, mit einem Toramantel bekleidet, mit einer Krone oder Aufsätzen und einem Schild geschmückt – so auch in den etwa 25 Synagogen und Bethäusern in Niederösterreich, die in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 geplündert und zerstört wurden: Die Nationalsozialisten sprachen, weil die Scheiben nur so klirrten, von der „Reichskristallnacht“.

Was ist mit all den Kultgegenständen geschehen? Einige wurden eingeschmolzen, einige gelangten in den Kunsthandel, viele wurden beschlagnahmt. Ein Teil ging in der NS-Zeit ans Völkerkundemuseum (heute: Weltmuseum) und wurde 1946 an die Israelitische Kultusgemeinde in Wien als Rechtsnachfolgerin der vernichteten Gemeinden Niederösterreichs restituiert. 1992 übergab die IKG die umfangreichen Bestände dem neu eröffneten Jüdischen Museum als Dauerleihgabe. Das JMW erhielt zudem die von der Stadt Wien erworbene Judaica-Sammlung Berger.

Wie viele der Objekte aus Niederösterreich stammen, lässt sich nicht einmal ansatzweise sagen. Denn oft genug fehlen eindeutige Hinweise. Zudem wird die Provenienzforschung im JMW stiefmütterlich behandelt. Es braucht immer wieder den Anstoß von außen: Das Freud Museum beschäftigte sich intensiv mit dem im JMW inventarisierten Porträt des Psychoanalytikers, das Wilhelm Victor Krausz 1936 gemalt hatte, und fand heraus, dass es einst Alexander Freud, dem jüngeren Bruder von Sigmund Freud, gehört hatte. Das JMW will es nun restituieren.

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Der Toraschild wurde nun restituiert

Und Martha Keil, die wissenschaftliche Leiterin der Ehemaligen Synagoge in St. Pölten, widmete sich intensiv einem Toraschild des Silberschmieds Leopold Mandl, das laut JMW aus Edlach an der Rax stammen würde. Dort lebten eigentlich keine Juden. Aber in Erlach südlich von Wiener Neustadt besaß der Weinhändler Simon Hacker ein eigenes Bethaus. Und tatsächlich: Martha Keil konnte die Provenienz nachweisen. Das JMW bzw. die Stadt Wien gaben das Objekt (aus der Sammlung Berger) nun zurück – bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung „Geraubte Heiligkeit – Judaica aus Niederösterreich“.

In der Frauenempore der Synagoge präsentiert Martha Keil bis 15. November insgesamt sieben Kultgegenstände, darunter zwei Toramäntel (aus Liesing und Gänserndorf) und zwei Spendenteller (aus Baden). Sie erklärt nicht nur die Objekte, sie geht auch auf die jeweiligen Synagogen ein – und beleuchtet Nebenaspekte. Geradezu unglaublich ist die Geschichte der prächtigen Torakrone aus Wiener Neustadt: Sie wurde zusammen mit vielen weiteren „Tempelgeräten“ Anfang 1939 geraubt. Im Februar 2016 holte man für die neue Dauerausstellung des Stadtmuseums St. Peter an der Sperr eine barocke Eisentruhe aus dem Depot. In dieser befand sich – zur großen Überraschung der Kuratoren – die Torakrone ...

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