Vaters nackter Bauch: Auf den Spuren von Erich Fried
Klaus Fried begibt sich auf Spurensuche nach seinem berühmten Vater, den Dichter Erich Fried in der Doku „Friendly Fire“.
Zwei Männer stehen vor dem Grab ihres Vaters. Plötzlich entdecken sie einen tiefen Riss im Grabstein, dieser droht auseinanderzubrechen. Was tun? Die beiden Steinhälften stützen? Befestigen? Vielleicht mit einem Gurt zusammenbinden?
Es sind die Zwillingsbrüder Klaus und Tom Fried, die am Londoner Friedhof vor der letzten Ruhestätte ihres Vaters Erich Fried stehen. Der Riss im Stein – er wird zum Sinnbild für Leben und Karriere eines Mannes, der von Brüchen gezeichnet wurde.
Wer zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren in die Schule ging, kam mit höchster Wahrscheinlichkeit mit Gedichten von Erich Fried in Kontakt. Sein Name stand für politische Poesie, seine Werke waren Schullektüre.
Geboren 1921 in Wien in eine jüdische Familie, musste Fried 1938 nach der Machtergreifung der Nazis fliehen. Er emigrierte nach England und wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem der einflussreichsten und auch umstrittensten Intellektuellen seiner Zeit. Damals von seiner Bekanntheit vergleichbar mit Bertolt Brecht, erreichten seine Gedichte wie „Es ist, was es ist“ große Berühmtheit.
Fried war eine Ikone der Friedensbewegung und trat rigoros für Meinungsfreiheit ein. Mit seiner anti-zionistischen, israelkritischen Haltung machte er sich nicht nur Freunde, und auch seine Brieffreundschaft mit dem rechtsradikalen Holocaust-Leugner Michael Kühnen stieß auf viel Unverständnis.
Eine Antwort auf die Frage „Wer war Erich Fried?“ sucht sein Sohn Klaus Fried in seiner Doku „Friendly Fire“, die auf der Diagonale ihre Österreichpremiere feierte.
Klaus Fried ist Jahrgang 1969 und eines von insgesamt sechs Kindern seines Vaters. „Ich glaube, ich bin der Sohn, den er am wenigsten kannte“, sagt Klaus einmal zu seinem Zwillingsbruder. Umgekehrt weiß auch Klaus wenig von Erich Fried, der 1988 starb und stark mit seiner Karriere beschäftigt war. „Friendly Fire“ ist daher nicht nur eine Suche nach dem Künstler Erich Fried, sondern auch die nach einem Vater.
Nackter Bauch
Klaus Fried tritt vor die Kamera und führt eloquent seine filmische Recherche an. Die Reise in Form eines Roadmovies führt ihn nach Wien und Berlin, seine Gesprächspartner sind die eigenen Geschwister, Verwandte, Wegbegleiter und Historiker.
Ein Freund der Familie erzählt, dass das Fried-Wohnhaus als „Botschaft der Linken in London“ galt, wo unter anderem auch gesuchte Mitglieder der linksextremen RAF (Rote Armee Fraktion) auftauchten und Schutz suchten. Klaus Fried besucht Astrid Proll, Ex-Mitglied der RAF, die immer noch ganz nervös wird, wenn sie vor laufender Kamera sprechen soll.
Am berührendsten sind die Gespräche mit Frieds Söhnen und Töchtern: Sie alle erinnern sich an einen zwar liebevollen und originellen, aber auch meist abwesenden Vater. Tochter Petra erzählt, wie sie Erich Fried einmal auf der Straße beobachtet habe, wie er mit zwei verschiedenen Sandalen, einer kurzen Hose, zusammengehalten mit einem Seil, und nacktem Bauch zum Postkasten geschlurft war und sie sich vor Scham versteckte, um nicht von ihm gesehen zu werden.
Wenn er eines gelernt habe beim Entstehen seines Filmes, so Klaus Fried im anschließenden Publikumsgespräch, dann eines: Dass er vor allem zuerst seinen Kindern ein Vater sein wolle.
Girls Will Be Boys
Die Auseinandersetzung mit Elternschaft zieht sich als einer der roten Fäden durch das Programm des österreichischen Filmfestivals. Ein intimer Dokumentarfilm wie Viki Kühns „Mein halber Vater“ beschäftigt sich mit der Pflege des Vaters nach einem Schlaganfall und wendet sich damit einmal mehr dem Thema der Fürsorge-Arbeit zu, das schon im letzten Jahr verstärkt zu beobachten war.
Starke Akzente setzen auch inhaltliche Schwerpunkte wie Identität und Geschlechterpolitik in unterschiedlichsten Formaten.
So stellt Manuel Abramovich in seiner Doku „Croma“ Geschlechterrollen vor grüner Leinwand infrage, während Markus Schleinzers Eröffnungsfilm „Rose“ tief in die Geschichte des 17. Jahrhunderts eintaucht und von einer Frau erzählt, die heimlich in die Hose schlüpft, um persönliche Freiheit zu gewinnen.
Auch das historische Programm der Diagonale greift unter dem Titel „Girls Will Be Boys“ das Thema der Genderfluidität auf und präsentiert dazu Klassiker aus dem Kino der Zwischenkriegszeit.
Frauen in Hosenrollen beweisen den freien, queeren Geist der Weimarer Republik, ehe er mit der Machtergreifung Hitlers zurückgedrängt wurde, führt Kuratorin Brigitte Mayr von Synema, Gesellschaft für Film und Medien, in der Einführung ihres bis zum letzten Platz besuchten Programms aus: Bestes Beispiel dafür ist das umwerfende Crossdressing-Lustspiel „Viktor und Viktoria“ (1933) von Reinhold Schünzel. Renate Müller spielt in „Viktor und Viktoria“ – in einem späteren Remake verkörpert von Julie Andrews – eine arbeitslose Sängerin. Erst, als sie sich als Mann ausgibt, der als Frau Viktoria auftritt, macht sie Karriere und begeistert sowohl ihr männliches als auch ihr weibliches Publikum.
Der Film war ein riesiger Hit, doch Reinhold Schünzel wurde als „Halbjude“ kurze Zeit später in die Emigration gezwungen. Auch Renate Müller wurde von der Gestapo bespitzelt, ihre Karriere ruiniert. Sie starb mit nur 31 Jahren. „Im Kino aber“, wie Brigitte Mayr betonte, „bleiben außergewöhnliche Frauen unsterblich.“
Kommentare