© Secession/Nick Ash

Kultur
11/02/2021

Der Blütenbote: Künstler Danh Vo in der Wiener Secession

Konzeptionelle und skulpturale Arbeiten sind noch bis 7. November in Wien zu sehen – man sollte sich darauf einlassen

„Wir sind alle nur Blumen, gepflanzt auf dieser Erde, die der Herr nach seinem Gutdünken pflückt, die eine früher, die andere später ....“

Mit blauer Tinte sind diese Worte fein säuberlich auf ein Blatt Papier geschrieben – es ist ein Abschiedsbrief des französischen Missionars Théophane Venard, der im heutigen Vietnam wirkte, wo er 1860 gefangen genommen und enthauptet wurde.

Im Werk des Künstlers Danh Vo taucht der Brief immer wieder auf, er lässt ihn von seinem Vater – der Ende der 1970er Jahre aus Vietnam floh und schließlich in Dänemark Fuß fasste – abschreiben.

Blumen und Text

In der Wiener Secession, wo der 1975 geborene Vo – nach einem Gastspiel im Kunsthaus Bregenz 2012 – nun seine zweite große Solo-Schau in Österreich präsentiert, fällt es schwer, keine Bezüge herzustellen zwischen den Blumen im Text und jenen, die an verschiedenen Stellen des Hauptsaals auftauchen. An einer Stelle sind Fotos von Blumen, wie vom Botaniker penibel beschriftet, aufgereiht, anderswo stecken Blüten der Kapuzinerkresse in Vasen. Hinter dem Haus wird das Gewächs in großen Töpfen angepflanzt, sodass die Ausstellung immer frisch bestückt werden kann.

Migrationserfahrung

Man kann sich an Deutungen versuchen, abtauchen in die Migrationsgeschichte des Künstlers, der Dänemark 2017 auch auf der Venedig-Biennale vertrat, und seines bedeutungsschwangeren wie rätselhaften Formenvokabulars. Teilt die Kapuzinerkresse mit dem geköpften Missionar möglicherweise mehr als die katholisch-mönchische Symbolik? Was ist ihre Beziehung zu den zersägten, verwitterten Christusstatuen, die schön symmetrisch über den Hauptraum verteilt sind? Und warum stecken die Füße des Gekreuzigten in einem Arrangement in einer Kühlvitrine, wie man sie in Landgasthäusern für Torten verwendet?

Mitgeliefert wird eine Interpretation bei Vo nicht: Während er in der Vergangenheit statt eines Erklärtexts einmal das Märchen vom Aschenputtel austeilen ließ, dient in der Secession ein Erlebnisaufsatz der Kuratorin Jeannette Pacher als interpretatorischer Strohhalm. Sie berichtet darin von einem Besuch auf jenem Gutshof in Brandenburg, den der Künstler seit 2017 nutzt. Die fotografierten Pflanzen in der Schau wachsen allesamt dort, die Skulpturversatzstücke für Vos Arbeiten werden dort gelagert. Es ist ein Heimatort für einen, dessen Seelenzustand das Umherstreifen zu sein scheint.

Was einen in der Secession letztlich begeistert, ist die formale Präzision, mit der all dies in ein poetisches Ensemblespiel eintritt. „Skulptur“ handhabt Vo in einem erweiterten Sinn, in den einzelnen Arrangements trifft der Minimalismus ausgelegter Marmorplatten auf Ready-Made-Ästhetik (der Kühlschrank!), Formen machen Sprünge durch die Dimensionen: So entpuppt sich eine Linie, die wie ein abstraktes Muster in Bodenplatten gefräst ist, als Umriss eines zersägten Christus-Torso, der an anderer Stelle auftaucht. Ein Kupferblech-Ungetüm entpuppt sich als Fragment der Freiheitsstatue, die Vo für den New Yorker Public Art Fund 2010 – 2014 nachbaute.

Alles ist sehr symbolbeladen (Freiheitsversprechen! Migration! Kulturtransfer!) – und am Ende doch einfach Skulptur in einem Raum der hoch geschärften Aufmerksamkeit. Eine Schau, auf die man sich einlassen sollte.

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