"Der Bergdoktor" und die Ordination für Diagnose Weltflucht

Ein Mann mit Tasse und eine Frau stehen entspannt an einer Holzhütte neben roten Blumen.
Mittwoch geht „Der Bergdoktor“, die Arztserie im alpinen Ambiente, auf ORF2 in die 19. Staffel. Erlösende Nachricht: Hans Sigl macht den Job noch zwei Jahre weiter.

Die letzten Nebelwölkchen verziehen sich über dem Wilden Kaiser, die Sonne scheint schon auf den mächtigen Malvenbusch und die roten Pelargonien, die die Fenster des urigen Holzhauses üppig beblühen. Der Himmel? Ein erhebendes Schlumpfblau. Man kann also sagen: Alles wie gehabt beim „Bergdoktor“. Die Welt steht nicht nur noch, sie ist voll schön und hat noch nie etwas von Nicolas Maduro, Inflation und Gletscherschmelze gehört.

Aber so heil wie die Welt immer, und zwar ausnahmslos immer aussieht in dieser Serie, ist sie halt für die, die drin spielen, auch nicht immer. Denn die erste Folge der neuen, 19. Staffel (heute, 20.15 Uhr, ORF2) beginnt mit vielen schwarzgewandeten Menschen, darunter auch der nimmermüde Mediziner (Hans Sigl): Denn Rolf (Wolfram Berger) muss zu Grabe getragen werden. Der Großvater von Bergdoktor Martin Grubers Tochter Lilli (Ronja Forcher) ist nämlich in der letzten Folge der Vorjahresstaffel an einem Herzinfarkt mitten im Streit mit Tochter Caro verstorben – und hat damit die Feier zu Grubers spontaner Hochzeit mit Karin (Hilde Dalik) erheblich gestört.

Es steckt mehr dahinter

Dienstlich gesehen wiederum ist beim „Bergdoktor“ auch in der neuen Staffel wirklich alles wie gehabt: Ein Mädchen hat Fieber und fühlt sich schlecht. Schnöder grippaler Infekt? Pah! Dr. Gruber weiß sofort: Da steckt mehr dahinter. Diese schlafwandlerische Kenntnis des Pschyrembel ist wahrscheinlich eins der Erfolgsrezepte dieser Serie. Nachgerade hellseherisch diagnostiziert werden – das gibt es im echten Leben nicht. Und die viele Zeit, die der Alpinmedikus mit seinen Patienten verbringt – ein wahrer Luxus, den man im echten Leben eher vermisst als weidende Kühe auf satten Wiesen. Kein Wunder also, dass „Der Bergdoktor“ ein Quotengarant für das ZDF und auch den ORF ist. 

Zwei Männer knien neben einer verletzten Frau mit blutigem Mund an einem Baum und leisten Erste Hilfe.

Fließt auch Blut aus dem Mund - die Aussicht ist doch schön.

Die Zuseherrekorde purzeln zwar nicht mehr im Wochentakt, die Quoten sind seit zwei Jahren rückläufig. Aber immerhin schalten in Deutschland fast sechs Millionen Menschen ein und in Österreich zuletzt noch über 800.000, bei einem beachtlichen Marktanteil von 29 Prozent. Eine Analyse des ORF hat den „Bergdoktor“ 2024 vor allem in der Gunst des weiblichen Publikums verortet: Da ist er sogar beliebter als die notorisch populären „Rosenheim-Cops“. Er ordiniert übrigens nicht nur auch in Spanien („Doctor en los Alpes“), sondern zudem in Kroatien, Ungarn, Polen und Fernost.

Kein Halbgott in Weiß

Hans Sigl spielt die Titelrolle seit 2008 und er wird sie, das wurde kürzlich laut Welt bekannt, jedenfalls noch zwei weitere Jahre spielen. Die Süddeutsche hat einmal geschrieben, mit ihm könne man sich so gut identifizieren, weil er als Bergdoktor kein „Halbgott in Weiß“, sondern eher ein „Eindrittelgott im Markenhemd“ ist. Also runtergerechnet auf andere TV-Ärzte ein Siebzigstel Dr. House, ein Spurenelement Dr. Brinkmann und die grau melierten Haare von George Clooneys Dr. Ross. Mit viel besserer Laune auch als Meredith Grey. 

Letzteres ist – trotz der durchaus auch exotischen Diagnosen im beschaulichen Bergdorf und natürlich den mannigfaltigen privaten Turbulenzen – wichtig für den exquisiten Eskapismus, den diese Reihe bietet. Der sich daraus ergibt, dass trotz Heimatfilmästhetik so getan wird, als wäre man in so einer Art 21. Jahrhundert – der aber die ganzen nervigen , beunruhigenden oder zu modernen Details fehlen.

Was es aber schon gibt, ist Hirntumor. Das ist nämlich in den bisherigen Staffeln die häufigste Diagnose des Bergdoktors gewesen.

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