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Starke österreichische Präsenz in Cannes: Sternstunden unter Palmen

Sandra Wollner gewinnt mit „Everytime“ in der Sektion „Un Certain Regard“ mit Birgit Minichmayr; Valeska Grisebachs österreichische Koproduktion „Das geträumte Abenteuer“.
Zwei Frauen vor steiniger Landschaft im Hintergrund.

Der kürzeste Film, der heuer auf dem 79. Filmfestival in Cannes zu sehen war, dauerte 82 Minuten: Er stammt von dem polnischen Oscarpreisträger Paweł Pawlikowski, heißt „Vaterland“ und erzählt in passgenauen, schwarz-weißen Bildern von einer Lesereise, die der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Tochter Erika durch Nachkriegsdeutschland unternimmt. Das Zusammenspiel zwischen Hanns Zischler als melancholischer Nobelpreisträger und Sandra Hüller als seine Tochter gehört zu den Höhepunkten der diesjährigen Festivalausgabe.

Der längste Film im Hauptwettbewerb kam auf 196 Minuten und verdankt sich dem japanischen Regisseur Ryusuke Hamaguchi: Sein stilles Drama „All of a Sudden“ erzählt von einer Pariser Pflegeheimleiterin – gespielt von Virginie Efira –, die sich um humane Betreuung ihrer dementen Patienten bemüht. Die Begegnung mit einer japanischen Theaterregisseurin vertieft ihr Verständnis von menschlicher Würde. Auch „All of a Sudden“ zählte trotz oder vielleicht auch wegen seiner Laufzeit von drei Stunden und 16 Minuten zu den Sternstunden im Wettbewerb von Cannes.

Es war vor allem das große, internationale Autorenkino, das Festivalchef Thierry Frémaux heuer in die Auslage der Weltöffentlichkeit stellte. Amerikanische Blockbuster wie zuletzt Tom Cruise mit „Mission: Impossible – The Final Reckoning“ oder Premieren von großen Studioproduktionen fehlten heuer gänzlich. Zu tief sitzt noch der Schock von dem Debakel, den „Joker: Folie à deux“ auf dem Filmfestival in Venedig erlitt: Der Film wurde von der Kritik zerrissen und floppte an den Kinokassen.

Trotzdem fand eine stattliche Zahl von Stars den Weg an die Croisette – von Kristen Stewart über John Travolta bis hin zu Scarlett Johansson. Auch heimische Prominente waren in Cannes vertreten – Birgit Minichmayr, zum Beispiel. Die Burgschauspielerin übernahm die Hauptrolle in Sandra Wollners flirrendem Drama „Everytime“ und verkörpert eine Mutter, die mit dem Tod ihrer Tochter umgehen muss.

Sandra Wollner in Cannes.

Sandra Wollner  gewinnt mit „Everytime“ in „Un Certain Regard.“

„Everytime“ feierte in der renommierten Programmreihe „Un Certain Regard“ Premiere und zählte mit zu den aufregendsten Arbeiten, die im Rahmen des Festivals gezeigt wurden. Absolut verdient erhielt die in Leoben geborene, in Berlin lebende Regisseurin den Hauptpreis von „Un Certain Regard“: „Langsam habe ich auch verstanden, dass uns da etwas Besonderes gelungen ist“, so eine glückliche Sandra Wollner zum KURIER: „Die Resonanz war überwältigend und ich freue mich, wenn wir unseren Film dann irgendwann auch zu Hause zeigen können.“

Heimisches Rekordjahr

Die Österreicherin Marie Kreutzer wiederum brachte in ihrem aufwühlenden Wettbewerbsbeitrag „Gentle Monster“ in erster Linie französisches Staraufgebot zum Strahlen: Léa Seydoux als erfolgreiche Pianistin und Sängerin muss sich in Kreutzers Familiendrama mit der schrecklichen Tatsache konfrontieren, dass ihr Mann (gespielt vom zukünftigen „Tatort“-Kommissar Laurence Rupp) wegen des Besitzes von kinderpornografischen Darstellungen angeklagt wird. Geschockt flüchtet sie nach München, wo ihr Catherine Deneuve als ihre Mutter die Türe aufmacht.

Nach dem Rekordjahr auf der Berlinale wurde also auch Cannes zum Schauplatz starker österreichischer Filmpräsenz. Ganz zum Ende des Festivals lief noch die österreichische Koproduktion „Das geträumte Abenteuer“ der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach im Hauptwettbewerb. Grisebach hat an der Filmakademie in Wien unter anderem bei Michael Haneke studiert, zählt aber, was verhaltenes Erzähltempo betrifft, zur sogenannten Berliner Schule. Auch „Das geträumte Abenteuer“ lässt sich sehr viel Zeit, um das abgelegene Grenzgebiet zwischen Bulgarien und der Türkei mit seinen nicht-professionellen Darstellern auszuloten.

Im Zentrum steht Veska, eine Archäologin, die nicht nur an historischen Funden interessiert ist, sondern gleich auch die jüngere Zeitgeschichte der Region mit ausgräbt. Um einem alten Jugendfreund zu helfen, lässt sie sich auf einen riskanten Öldeal ein und sieht sich kurz darauf mit dem lokalen Mafiaboss konfrontiert.

Grisebach verzahnt Veskas Sozialleben mit den Andeutungen eines Gangsterthrillers in einer staubigen Grenzstadt am Rande Europas. Als sich die Lage zuspitzt, steckt Veska für ihre nächtlichen Autofahrten zur Sicherheit eine Pistole ein. Doch auch Gewalt zeigt Grisebach nicht so, wie man es vermuten könnte. Obwohl die Aggression unterschwellig überall lauert, vermeidet sie einen kathartischen Showdown.

Buhrufe und Pfiffe

Politik solle in erster Linie in den Filmen auf der Leinwand stattfinden, wünschte sich Thierry Frémaux gleich zu Beginn seines Festivals: Dieser Wunsch hatte sich auch vielfach erfüllt, etwa in dem hochkarätigen Wettbewerbsbeitrag „Minotaur“ des russischen, dissidenten Regisseurs Andrei Swjaginzew, dessen bitteres Ehedrama gleich auch noch die Korruption und den Krieg von Putins Russland anklagt. Doch auch die aktuellen französischen Kulturkämpfe rund um den ultrarechten Milliardär Vincent Bolloré und dessen versuchte Einflussnahme auf das französische Kino wurden inmitten des Filmfestivals ausgetragen – mit Pfiffen und Buhrufen, wie es sich für Cannes gehört.

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