Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Cannes: Ehrenpalme für John Travolta, Ohrfeige für Gustav Gründgens

Favorit im Wettbewerb von cannes: „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski mit Sandra Hüller; John Travolta erhält eine Ehrenpalme.
Sandra Hüller sitzt neben Hanns Zischler als Vater und Tochter Thomas und Erika Mann.

Aus Cannes Alexandra SeibelIn Cannes gibt es die Goldene Palme, die Ehrenpalme und die überraschende Ehrenpalme: Letztere bekam John Travolta überreicht, als er auf dem Filmfestival sein Regiedebüt „Nachtflug nach L.A.“ vorstellte. Umrauscht von den Standing Ovations eines begeisterten Publikums, bedankte er sich sichtlich gerührt bei Festivalchef Thierry Frémaux: „Ich bin völlig überwältigt. Das hier ist besser als ein Oscar.“

Tatsächlich hat Travolta, einer der ikonischsten Filmstars der Hollywoodgeschichte, nie einen Oscar erhalten – trotz zweimaliger Nominierung. Erstmals stand er 1978 als charismatischer Discotänzer in „Saturday Night Fever“ auf der Liste, ging aber leer aus. Für seine Rolle als schräger Auftragskiller Vincent Vega in „Pulp Fiction“ wurde er erneut nominiert, doch das Rennen machte schließlich Tom Hanks als „Forrest Gump“. Dafür erhielt „Pulp Fiction“ 1994 in Cannes die Goldene Palme. Kein Wunder also, dass Travolta, mittlerweile 72-jährig, in seiner Dankesrede noch hinzufügte, dass die Gewinnerfilme der Goldenen Palme immer auch genau seinen eigenen Filmgeschmack träfen.

Mit „Nachtflug nach L.A.“ verfilmte Travolta eine Kindergeschichte, die er vor mehr als dreißig Jahren für seinen Sohn Jett geschrieben hatte, der an Krampfanfällen litt und 2009 starb. Selbst leidenschaftlicher Pilot, erzählt Travolta von der ersten Flugreise eines kleinen Buben: „Nachtflug nach L.A.“ ist ab 29. Mai auf Apple+ abrufbar.

Welcher Film den Geschmack der diesjährigen Preisjury für die Goldene Palme treffen wird, lässt sich zum Halbfinale des Filmfestivals nicht vorhersagen. Als großer Favorit aber sticht der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski heraus. Seit er für sein Schwarzweiß-Drama „Ida“ (2013) den Auslandsoscar gewann, ist er einer größeren cinephilen Fangemeinde ein Begriff. „Ida“ spielt in den 1960er-Jahren und beschäftigt sich mit Polens Umgang mit dem Holocaust. Das Nachfolgewerk „Cold War“ (2018) umfasst eine größere Zeitspanne von Polens Nachkriegsgeschichte.

Ohrfeige für Gründgens

Auch in seinem neuen, exzellenten Film „Vaterland“ bleibt Pawlikowski seinem markanten, gleichermaßen blendenden und bleiernen Schwarzweiß-Stil treu. Wieder geht es um das Ringen nach Ordnung in einer Nachkriegsgesellschaft, doch diesmal wendet sich der Regisseur nach Deutschland im Jahr 1949: Der deutsche Dichter und Nobelpreisträger Thomas Mann kehrt aus dem US-Exil ins zerbombte Deutschland zurück. Begleitet wird er von Tochter Erika – und gemeinsam (be)suchen sie die verlorene Heimat.

Im Westen Deutschlands bemüht man sich um Kontinuität: Ob er sich nicht für die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele einsetzen könnte, bitten ihn die Enkelsöhne Richard Wagners. Wo er doch immer einer der größten Wagner-Fans gewesen sei. „Ja, gleich nach Hitler“, gibt Thomas Mann trocken zurück. Erika wiederum trifft beim Cocktail-Empfang ihren Ex-Mann Gustav Gründgens wieder, Schauspieler und Günstling der Nazis. Nach kurzem Wortgeplänkel haut sie ihm eine Ohrfeige herunter: „Das war schon längst fällig.“

Grab in Cannes

Im deutschen Ostsektor wiederum werden sie mit militärischem Eifer und kulturellem Optimismus empfangen. Doch während Thomas Mann an seiner Rede feilt, die er zu Ehren Goethes halten will, stürzt ein Mann ins Hotelzimmer und fleht ihn an, auch die politischen Gefangenen, die im ehemaligen KZ Buchenwald festgehalten werden, zu erwähnen. Das politische Dilemma verschärft sich durch privates Unglück, als die Manns Nachricht vom Selbstmord von Klaus Mann, Thomas Manns ältestem Sohn, erhalten.

Hanns Zischler als schwermütiger Thomas Mann fügt in seinem feinfühligen Spiel Gravitas und leiser Ironie zusammen, während Sandra Hüller – gut wie eh und je – als seine Tochter Erika mit trockenem Humor ihre eigene Lebenstragödie unterfüttert. August Diehl als morphiumsüchtiger Klaus hat eine kleine, aber umso einprägsamere Rolle in Pawlikowskis glänzend erzählter, historischer Vignette.

Klaus Mann liegt übrigens auf dem Friedhof in Cannes begraben.

Kommentare