Cannes: Hipper Horror mit Ex-"Akte X"-Star Gillian Anderson
Gillian Anderson (re.) und Hannah Einbinder in blutig-ironischem Horror-Film.
„Keine Selfies auf dem roten Teppich!“ Wenn ein Besucher oder eine Besucherin in Cannes versucht, sich auf dem Weg in den Festivalpalast für die Ewigkeit abzulichten, ist schnell ein Ordner zur Hand. Freundlich, aber bestimmt leitet er die einströmenden Menschenmassen durch Tore und Sicherheitskontrollen. Ein geschmeidiger Ablauf ist alles auf dem Filmfestival in Cannes. Immerhin berichten über 4.000 Journalisten aus rund 90 Ländern über das Festival, während an die 12.000 Branchenprofis am Filmmarkt teilnehmen und dort ihre Geschäfte abwickeln. So kommt es, dass beispielsweise ein US-Actionstar wie Jason Statham an die Côte d’Azur eingeflogen wird – nicht, weil er etwa in einem Film mitspielt, der im Rahmen des Festivals gezeigt wird, sondern weil er sein neues Projekt, den noch in Planung befindlichen Thriller „John Doe“, internationalen Käufern schmackhaft machen will.
Neben dem Selfie-Verbot gilt auf dem roten Teppich auch strikte Nulltoleranz für spontane, politische Demonstrationen. Trotzdem gehören Film und Politik zusammen – das finden auch die Mitglieder der diesjährigen Preisjury, darunter Demi Moore und der südkoreanische Regisseur und Jurypräsident Park Chan-wook. Anders aber als auf der Berlinale, wo eine erbitterte Diskussion über Positionen zum Krieg in Gaza der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle beinahe den Job gekostet hatte, fühlen sich die Debatten in Cannes (zumindest bis jetzt) weniger heftig an. Als dann Jane Fonda, eine erklärte Trump-Gegnerin, die 79. Filmfestspiele eröffnete, klang es wie ein Schlachtruf: „Kino ist ein Akt des Widerstands! Lasst uns Mut, Freiheit und den kraftvollen Akt des Schaffens feiern.“
Nach alter Tradition ist jedoch gerade der Eröffnungsfilm in Cannes eine meist unerhebliche Affäre – und so auch dieses Jahr: Die französische Boulevardkomödie „The Electro Kiss“ – über einen verwitweten Maler, der mithilfe eines Mediums seine verstorbene Frau herbeizurufen sucht – wird nicht in die Annalen eines kraftvollen Kinos eingehen.
Marmelade aus Schmetterlingen
Leider auch nicht der erste englischsprachige Film des vielversprechenden russischen Regisseurs Kantemir Balagow. Zuletzt hatte Balagow mit seinem eigenwilligen Drama „Beanpole“, das im zerstörten Leningrad von 1945 spielt, die cinephile Weltöffentlichkeit begeistert. Nun verlegte er aufgrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sein neues Projekt „Butterfly Jam“, das in einer tscherkessischen Community spielt, vom nördlichen Kaukasus nach Newark. Balagow selbst stammt aus der russischen Region Kabardino-Balkarien, wohnt aber in Los Angeles und drehte in New Jersey.
Barry Keoghan und und Riley Keough als Bruder und Schwester in "Butterfly Jam“.
Die Hauptrolle in „Butterfly Jam“ übernahm der irische Schauspieler Barry Keoghan, bekannt aus der Eat-the-Rich-Satire „Saltburn“ und bald noch bekannter als Ringo Starr in dem Vierteiler „The Beatles“ von Sam Mendes. Er spielt einen alleinerziehenden Vater namens Azik, der um eine gute Beziehung zu seinem Sohn ringt. Azik arbeitet in dem ärmlichen Diner seiner Schwester (verkörpert von Elvis-Presley-Enkelin Riley Keough) und hängt mit gewaltbereiten Freunden ab. Seinem Sohn will er väterlichen Halt geben, doch verwechselt er Vorbild mit Fassade.
Balagow bemüht sich redlich um eine dichte Sozialstudie im patriarchalen, tscherkessischen Milieu, doch sein brütendes Drama bleibt zu sehr forciertes, theatrales Kammerspiel.
Ein echter Höhepunkt aber ist ein klappernder rosa Pelikan, den Azik seiner Schwester schenken will. Und Monica Bellucci: Der italienische Filmstar taucht überraschend in einem Food Truck auf und verkauft Wasserflaschen. Danach weiß Aziks Sohn, welchen Vornamen seine frischgeborene Cousine haben soll, und findet so doch noch zu einem magischen Happy End.
Sind Sie vegan?
Blutig, aber glücklich endet auch der queere Slasher-Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ von Jane Schoenbrun. Gillian Anderson, berühmt geworden als FBI-Agentin in der TV-Serie „Akte X“ und Margaret Thatcher in „The Crown“, übernahm darin eine ungewohnte Rolle. Sichtlich amüsiert spielt sie eine ehemalige Horror-Darstellerin, die mit einem Serienkiller-Schocker berühmt wurde und seitdem vereinsamt im verschneiten Gebirge lebt. Als eine junge, woke Regisseurin bei ihr auftaucht („Sind Sie vegan?“), um ein Remake zu drehen, entspinnt sich eine blutlustige Beziehung zwischen den beiden Frauen.
Schoenbruns selbstironischer, unterhaltsamer Zugriff auf das Serienkiller-Genre taucht tief ins Nostalgiebad der 1980er-Jahre ein und versteht sich als hippes Horror-Update für die Netflix-Generation. Insofern passt Gillian Anderson ganz besonders gut ins Bild: Als Ex-Agentin Dana Scully ist auch sie eine Pop-Ikone für wehmütige „Akte X“-Fans. Von dem Serienklassiker wird es übrigens ein Reboot unter der Regie von Ryan Coogler („Blood & Sinners“) geben. Ob Gillian Anderson mit dabei sein wird, ist derzeit noch ungewiss.
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