Campino über letztes Hosen-Album: "Über unser Lebensglück entscheiden wir"
Das KURIER-Konzert am 12. 9. im Ernst-Happel-Stadion könnte das letzte von Breiti, Andi, Campino, Vom und Kuddel (v. li.) in Wien sein.
KURIER: Ihr neues Album „Trink aus! Wir müssen gehen“ steckt voll Energie. Warum sagen Sie trotzdem, dass es das letzte ist?
Campino: Es ist ein Bauchgefühl. Wir werden ein Leben lang Freunde und eine Gang bleiben. Aber weil eben die Band für uns so wertvoll ist, wollen wir sie mit Würde zu Ende bringen. Die Leute sollen sagen, wir werden sie vermissen, und nicht, die letzten Jahre von denen hätten wir nicht mehr gebraucht. Es geht um Fragen wie: Sind wir noch deckungsgleich mit unseren Inhalten? Können wir noch 100 % liefern, wofür wir stehen, nämlich wilde Abende und die totale Verausgabung? Gibt es Dinge in unserem Leben, die dem inzwischen im Wege stehen?
Was sind das für Dinge?
Heute kann ich noch auf die Bühne gehen und wie ein Derwisch agieren. Aber wenn ich nach Hause komme, bin ich viel mehr geschafft als früher. Es geht auch darum, wie viel Zeit man noch in die Musik stecken will oder ob es inzwischen andere Prioritäten gibt. Wir möchten auch wieder mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen. Wir haben mal gesungen „Komm mit uns verschwende deine Zeit“ und wir haben das damals auch gelebt. Heute freue ich mich aber nicht mehr darauf, eine Party zu besuchen, bei der der Kronleuchter von der Decke fällt. Ich trinke zwar noch hin und wieder, aber ich kann kein Sauflied mehr schreiben. Damit würde ich nur aufwärmen, was zu einem anderen Zeitpunkt in unseren Leben eine Relevanz hatte.
Die Tour führt Sie am 23. 6. 2027 auch nach Graz. Schluss ist dann am 10. 7. 27 in Düsseldorf. Ist das dann wirklich das letzte Konzert der Toten Hosen?
Das wissen wir noch nicht. Es gab ja den Traum einer Unplugged-Tour, den wir wegen Corona nicht umsetzen konnten. Das würden wir gerne nachholen. Auch wenn uns noch einmal etwas unter den Nägeln brennen sollte oder wir einen Kommentar zu einem gesellschaftlichen Diskurs machen wollten, würden wir das tun. Oder wenn uns ein Theaterregisseur fragen würde, ob wir Musik für sein Stück machen könnten, würden wir vielleicht auch darüber nachdenken. Aber ein klassisches Hosen-Album mit eigenen Liedern wird es nicht mehr geben.
In den Songs „Die Show muss weitergehen“ und „Wir waren nie weg“ sagen Sie trotz dieser Ankündigung, dass es weiter geht ...
Daran hat uns der Widerspruch gefallen. Aber es ist kein wirklicher Widerspruch. Es gehörte immer auch zu unserem Charakter, Zuversicht auszustrahlen. Dass man den Tag froh beginnen kann mit der Hoffnung, dass er gut wird.
Aber gelingt Ihnen das in Zeiten wie diesen?
Auf jeden Fall. Dieser selbst ernannte König aus den USA raubt uns viel Zeit. Wie oft sieht man sich Nachrichten von seinem Irrsinn an? Und wenn man zur Tankstelle fährt, erlebt man die Konsequenz von diesem Wahnsinn. Aber ich gestehe ihm nicht zu, dass er mehr Millimeter meines Lebens in Anspruch nimmt als nötig. Über unser Lebensglück mit Freunden und den uns lieben Menschen entscheiden immer noch wir. Wir können uns aus Social Media und den Nachrichten rausziehen, wenn wir das Gefühl haben, es wird zu viel und macht uns depressiv. Denn den meisten Dingen, die uns da entgegenkommen, haben wir nur Ohnmacht entgegenzusetzen.
Halten Sie sich deshalb auf diesem Album mit sozialen Kommentaren zurück und gehen in den neuen Songs mehr auf persönliche Themen ein?
Es ist zurzeit unglaublich schwierig, Texte zu gesellschaftlichen Themen zu schreiben, weil sie im nächsten Moment schon irrelevant sein können. Aber wir machen unsere Einstellung ja auch jenseits unserer Lieder mit unserem Verhalten deutlich. Zum Beispiel damit, wo wir auftreten oder nicht auftreten, oder dass wir nie kommerzielle Werbung gemacht haben. Es ist zunehmend schwierig, weitere Lieder gegen Rechts zu schreiben. Das kennt man von uns, und man muss aufpassen, dass man nicht nur Klischees abruft. Du kannst solche Lieder ohnehin nicht erzwingen. Der Song „Was ist mit uns los“, in dem wir klar Stellung beziehen, war auch nicht geplant, der ist einfach gekommen.
In diesem Lied schwingt ein wenig Resignation über die Weltlage mit.
Mir war dabei wichtig, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern uns zu inkludieren: Wieso passiert uns das? Wir wollten uns nicht erhöhen und Leute zurechtweisen. Sondern fragen: Wie kommen wir wieder ins Gespräch? Wir sind nicht einer Meinung, aber das heißt nicht, dass wir Feinde sein müssen. Lass uns sprechen und versuchen, uns gegenseitig zu verstehen. Das geht ja immer mehr verloren. Aber es gibt kein Happy End in dem Song, weil wir gerade alle das Gefühl haben, durch die Gegend zu taumeln und das Licht am Ende des Tunnels nicht zu sehen.
Auch in „Schlechte Nachbarn“ gehen Sie darauf ein. Haben Sie tatsächlich AfD-Anhänger als Nachbarn?
Es geht dabei nicht nur um die AfD und die Welle der Rechtsaußen-Haltung, die uns weltweit erfasst hat. Es geht um das Recht des Stärkeren und das Brechen von allen Regeln, die unser Wertesystem ausmachen: Wie geht man mit Gefangenen um? Was bedeutet das Leben eines Flüchtlings? Haben wir die Empathie, uns in ihre Lage zu versetzen? Als Die Toten Hosen begannen, lebten noch viel Menschen, die den Krieg erlebt haben. Die verstehen, was es heißt, von zu Hause vertrieben zu sein. In der Speckwelt von heute können Menschen das kaum mehr nachempfinden. Sie lassen sich gedankenlos von Quatschdiskussionen mitreißen, die gerade hip sind. Keiner denkt mehr an die Menschen, die immer noch – übrigens sind die Zahlen hoch wie nie – im Mittelmeer ertrinken. Wer redet über Kuba, darüber, dass Trump die Menschen dort aushungert? Es geht um diese Unverhältnismäßigkeit, dass man sich auf Themen stürzt, zu denen gerade jeder etwas sagt, wodurch wir unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge komplett verlieren. Und es wird in Afrika oder sonst wo gnadenlos ausgenützt, dass sich die Weltöffentlichkeit auf ein Problem konzentriert und alle anderen nicht mehr sieht.
Das Lied „Glück“ haben Sie für Ihren Sohn Lenn geschrieben. Was hat er dazu gesagt?
Ich habe ihn gefragt, willst du ein paar neue Songs hören? Er sagte, ja, spiel vor. Dann kam ohne Ankündigung dieses Lied. Das war schon ein sehr intensiver Moment zwischen ihm und mir. Er hat gefragt: „Ist das über mich?“ Nachher hat er gesagt, das darfst du rausbringen, was ich als Lob empfunden habe. Ich wollte damit eine Art Gespräch auf Augenhöhe suchen, und auch die eigenen Fehler ansprechen, die man Kindern ja sonst nicht oft ins Gesicht sagt.
Darin singen Sie von Versprechen, die Sie nicht eingelöst haben. Schwingt da Reue mit, dass Sie nicht für ihn da sein konnten, weil Sie viel auf Tour waren?
Ich möchte das nicht auf die Karriere schieben, das wäre zu leicht. Wir entscheiden selbst, was unsere Priorität ist. Da muss sich jeder fragen, wo war es zu wenig, wo war es zu viel. Ich glaube, ich kenne meinen Sohn gut. Aber ob es gut genug ist, oder intensiver hätte sein können, weiß ich nicht. Das würde ich gerne von ihm wissen. Aber wenn ich Fehler gemacht habe, dann lag das nicht an der Band, sondern an mir.
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