Sammler, Jägerinnen und Steinzeit-Mythen
Die Frau als Mensch. Komisches Konzept, oder?
In Rückblicken auf die frühe Menschheitsgeschichte, ob in kunsthistorischen oder wissenschaftlichen Darstellungen, erfahren wir wenig über den Menschen Frau. Der Mensch an sich ist der Mann. In Büchern über die Steinzeit sehen wir den Mann beim Jagen, Feuerstein schlagen oder Höhlen bemalen. Bärtig, grunzend, affenähnlich.
Bei Ulli Lust erfährt man anderes. Mit Humor und akribischer Recherche erzählt sie in ihrer preisgekrönten Graphic Novel „Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte“ und dem Nachfolgeband „Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen“, was bei den Höhlenmenschen sonst noch los war. Apropos Steinzeit. Am Tag, als der KURIER die Künstlerin in Berlin erreicht, haben die Tiroler Schützen gerade mit einer Mehrheit von 87 Prozent beschlossen, keine Frauen aufzunehmen. „Wenn die Herren unter sich sind, sind sie natürlich einer Meinung,“ ist Ulli Lusts lakonischer Kommentar dazu.
So war es auch in der Geschichtsschreibung. Einer Wissenschaft, die lange Zeit ausschließlich von Männern bestimmt wurde. In Darstellungen prähistorischer Geschichte ist zu lesen, die körperlich schwächeren Frauen hätten Sex gegen Schutz und Nahrung getauscht. Alles von der Natur vorgegeben also?
Ulli Lust weiß mehr: „Frauen waren früher nicht das schwache Geschlecht. Sie waren in der Eiszeit stärker und größer als später im Neolithikum, nachdem die Landwirtschaft erfunden wurde. Vorher haben sie nur alle paar Jahre ein Kind bekommen, weil sie ja Nomaden waren. Das zeigen auch Bevölkerungsstatistiken von damals. Erst nach dem Neolithikum hat sich die Menschheit so vermehrt, was kräftezehrend für die Frauen war. Danach wurden sie deutlich kleiner.“
Als Nomaden waren die Menschen Universalisten, jeder musste alles können und das Jagen gehörte zum Überleben. Auch danach gab es noch egalitär lebende Gemeinschaften von Männern und Frauen, die sowohl jagten als auch sammelten. Das zeigen auch Skelettfunde. „Frauen und Männer haben in 300.000 Jahren Homo Sapiens die längste Zeit gleichberechtigt gelebt. Die hierarchischen Herrschaftsstrukturen, die wir kennen, sind erst in den letzten 6.000 Jahren entstanden. Dummerweise fällt dieser Paradigmenwechsel mit der Erfindung der Schrift zusammen. Die aufgeschriebene Geschichte erzählt von der Rolle der Frauen, die wir im Prinzip heute noch als Naturgesetz betrachten: Mutterschaft, Fürsorge und Sex.“
Ein Bild, das ebenso in der Literatur, der Malerei oder der Bildhauerei weitertransportiert wurde. Auch die 29.500 Jahre alte „Venus“ von Willendorf hat man, als sie 1909 gefunden wurde, einschlägig interpretiert. Doch die Deutung als Fruchtbarkeits- und Sexsymbol ist überholt. Weise Frauen, vielleicht Göttinnen-Symbole, sieht man heute in vielen Figurinen, die in zeitlicher Nähe weltweit gefunden wurden.
„Die Frau als Mensch“, eine essayistische Graphic Novel über die Urgesellschaften und ihre Kunst. Der erste Teil „Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte “ ist 2025 im Verlag Reprodukt erschienen, nun folgt Teil 2 „Schamaninnen“. 256 S., 30,95€
Opfer der Triebe
Ulli Lust beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Frühgeschichte. Hier bündelt sie nun ihre Passion mit ihren Kompetenzen als Comic-Zeichnerin. Die paternalistischen Wissenschaftler der Jahrhundertwende, die die „Venus“ ihrem eigenen gesellschaftlichen Rollenbild entsprechend als „Symbol für sexuelle Triebhaftigkeit und mentale Unreife“ interpretierten, werden von Lust ziemlich aufs Korn genommen. Als kindische Männchen, die selbst Opfer ihrer eigenen Triebe sind. Die Künstlerin schafft es eben, auch ernste Angelegenheiten mit Schmäh zu beschreiben. „Wer Lust hat, das zu glauben, kann das natürlich tun. Aber ich als Frau habe es immer schon fragwürdig gefunden, warum wir schwächer und weniger begabt sein sollten.“
Allein gegen die Mafia
1967 in Wien geboren, lebt Ulli Lust heute in Berlin, wo sie Kunst studiert hat. Sie unterrichtet Zeichnung und Comic an Hochschulen in Berlin und Hannover und ist für ihre zum Teil autobiografischen Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden, mehrfach ausgezeichnet worden. Auch in Frankreich, dem zweitgrößten Comic-Markt der Welt. Dort gelang ihr 2017 der Durchbruch mit der Übersetzung der autobiografischen Comic-Erzählung „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“. Darin verarbeitete Ulli Lust ein Kapitel ihrer Lebensgeschichte. Samt Existenzängsten, einer schwierigen Dreierbeziehung und Schuldgefühlen als Mutter. Schon 2009 war ihr Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ in mehrere Sprachen übersetzt worden. Ein aufregender Roadtrip zweier Punk-Mädchen, die sich von Wien aus nach Italien aufmachen und bis Palermo gelangen. Auch dieses Buch ist zum Teil autobiografisch. Wie sich die jungen Mädchen im Süden Italiens in schwelenden Mafiakriegen selbst behaupten und Männern, die beunruhigendes Interesse an den Teenagern zeigen, ihre elementarsten Persönlichkeitsrechte erläutern, ist verblüffend und zugleich ziemlich komisch. Die freche, ungewöhnliche Road-Story wurde mit Preisen überhäuft.