Sargnagel am Opernball: Wenn der Busen „guck guck“ sagt

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Besser als der Opernball selbst: Stefanie Sargnagel zu Besuch bei der Hautevolee

Stefanie Sargnagel hat im Auftrag des Rabenhof Theaters den Opernball besucht. Ihre Beobachtungen wurden zum Theaterabend, jetzt gibt es sie zum Nachlesen. Schamlos, überdreht, extrem lustig.

Sargnagel ist die Gesellschaftsreporterin unserer Träume. Beginnend bei der Schilderung ihrer Schönheitsvorbereitungen. Gesicht zuspachteln und die „schwammige Wampe“ in Shapewear stopfen. Einzig der Busen darf undiszipliniert rausschauen: „guck guck“. Am Ende sieht sie aus wie die „Schwester eines Kriegsverbrechers.“ Sie bleibt Teil der Community der Nicht-Krönchenträgerinnen, der Nicht-Balleröffnerinnen und der Nicht-über-das-Parkett-Schwebenden. Emotional gehört sie zu denen, die daheim vor dem Fernseher sitzen, Schlumberger trinken und sich an unmöglichen Ballkleidern ergötzen. Sie ist zufällig hier. Begleitet wird sie von einer Kellnerin, die als soziales Gewissen agiert, und einem Museumswärter, der für den bildungsbürgerlichen Unterbau sorgt und Wissenshölzerln über Johann Strauss und Co. wirft. Am Frack trägt er Freischwimmerabzeichen und die goldene Jö-Karte wie weiland Tobias Moretti seine Kinderski-Medaillen. Alle kriegen ihr Fett weg. Von Erwin Wurm bis Martin Ho. Der Bundespräsident hat ein Brandloch im Frack, die Sozialdemokraten füttern sich gegenseitig mit Würsteln und eine ÖVP-Ministerin schmust mit dem Lugner-Schwiegersohn. Ach ja, Lugner-Nostalgie kommt auch auf. Schließlich war er stets „zu allem bereit und unmöglich zu kränken.“ Und jeder wollte wissen, ob seine Neue „Pupsi oder Popschi“ hieß.

Höhepunkte gibt es viele. Vom Einsammeln abgestorbener Zehen über verbale und sonstige Auseinandersetzungen („schirche Krot“ versus „alte Schastrommel“) bis zum erlösenden Verspeisen von Leberkäsesemmeln zu den Klängen des Donauwalzers. Sargnagel verrät auch ein Geheimnis. In Wahrheit ist den Reichen in ihren Logen stinkfad. Nur wenn das Fernsehen kommt, tun sie so, als wäre das hier ein unendlicher Spaß.

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Stefanie Sargnagel:
„Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee“
Rowohlt.
80 Seiten.
19,95 Euro