Bei Sibylle Berg lebt die Hoffnung: „Natürlich glaube ich an die Kraft der Menschen“

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Die Autorin und EU-Abgeordnete Sibylle Berg erklärt, wie Revolutionen gelingen können und was Adriano Celentano damit zu tun hat

Die Schriftstellerin Sibylle Berg schreibt über die Welt knapp vor dem Untergang. Die Europaabgeordnete Sibylle Berg versucht, die Welt vor ebendiesem Untergang zu retten. Ein Gespräch über Revolutionen, machthungrige Typen und böse Überraschungen.

KURIER: Sie haben den ersten Teil Ihrer Trilogie zur Welt im Umbruch 2019 begonnen. Die Welt war damals noch nicht so außer Kontrolle wie jetzt. Wir dachten, Klimakrise und Brexit wären genug Katastrophe. Ihre Romanhelden waren wütend. Jetzt sind sie es nicht mehr. Der erste Satz Ihres neuen Buchs lautet: „Und ich habe keine Wut mehr.“ Sind die Menschen bloß müde oder ist die Revolution tatsächlich gelungen?

Sibylle Berg: „GRM. Brainfuck“ kam ein wenig zu früh. Fast alles, was ich damals in England gesehen und recherchiert habe, ist inzwischen unsere Realität. Überwachung, KI, Wohnungsnot, steigende Armut, Obdachlosigkeit. Die Buchheldinnen waren zurecht sauer. Nach der gelungenen Revolution im zweiten Teil habe ich am Ende des Buches wirklich kurz gedacht, es wäre Realität und hatte gute Laune.

Die gute Laune haben Sie dann in den 3. Teil gerettet.

Genau. Nun geht es um die Frage: In welcher Utopie wollen wir leben und wie organisiert man sie so, dass nicht irgendwelche machthungrigen Typen in das Vakuum vordringen, in die Leerstelle, die nach und vor einem System entsteht? Die Menschen lernen, ohne Angst zu sein, sie haben ja alles. Straßen, die man vom Asphalt befreien kann, Produktionsmittel, die man genossenschaftlich nutzen und Wohnraum, den man allen zur Verfügung stellen kann. Die Aufgabe war, jeden Bereich, der im Moment dysfunktional ist, neu zu denken. Sodass die Mehrheiten ein wirklich entspanntes, schönes Leben bekommen. Für ein paar wenige Kapitalisten sieht es weniger großartig aus. Wenn man auf seinen eigenen Jet besteht, hat das neue anarchische System eine böse Überraschung bereit.

In dieser Utopie ist auch die Rede von Friedensabkommen Europas mit anderen Ländern und Kontinenten. Am Anfang heißt es allerdings noch: „Ich hatte nie Pläne, weil ich es lächerlich fand. Morgen kann ein Weltkrieg ausbrechen“.

Genau das war früher das Motto der Heldin. Inzwischen bemüht sich Europa (im Buch) um freundschaftliche Verträge mit der ganzen Welt und weil es ein Buch ist und Literatur, gelingt das auch.

Also lebt die Hoffnung, dass die Menschen, wie Sie schreiben, „lernfähig“ sind. Glauben Sie das auch als Europaabgeordnete?

Aber natürlich glaube ich an die Kraft der Menschen und der Erneuerung. Stellen Sie sich vor, Sie wären von Kindheit an nicht zum Wettkampf, sondern zur Solidarität erzogen worden. Geld wäre keine Größe und das Internet würde allen gehören. Es gäbe keine Überwachung und keinen Wachstumszwang. Wir hätten keine Kirschen im Winter und würden auch nicht um die halbe Welt fliegen. Die Produkte wären nicht scheinbar sofort verfügbar, man würde Dinge reparieren, anstatt immer neues Zeug zu kaufen. Wir hätten drei Tage Gemeinschaftsarbeit, jeder in einem Bereich, den er mag und beherrscht. Alle unsere Bedürfnisse wären damit kostenlos und erfüllt. So etwas lernt man doch gerne.

Ihr Parteikollege ist der ehemalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn. Er startete sein EU-Engagement als Satiriker. War es Ihnen immer ernst oder haben Sie Ihr politisches Engagement auch ein stückweit als Experiment gesehen?

Es war mir immer ernst und es ist mir ernst. Nicht nur zu kritisieren und zu hinterfragen, sondern außerhalb der Kunst politisch zu agieren – im Rahmen dessen, was in einer Kleinpartei möglich ist. Mit einem jährlichen Festival, einer Nachrichtensendung, einem Podcast über Revolution und Digitalisierung, mit dem Einsatz zur Aufklärung über alle geplanten Überwachungsgaunereien, einer großen europaweiten Aktion gegen Armut, mit Vorträgen. Gerade habe ich Eva Illouz eingeladen, nachdem die Uni Rotterdam sie ausgeladen hat.

(Die Universität begründete die Ausladung der französisch-israelischen Soziologin damit, dass sie an der Universität in Jerusalem lehrt, Anm.)

Auf Ihrem Instagram-Account haben Sie ein Zitat gepostet. „Wir sind nicht der Welthysterie ausgeliefert. Wir können uns wehren“. Das klingt, als stamme es von Ihrer Protagonistin. Was meinen Sie damit konkret?

Jeder und jede kann politisch aktiv werden. Und damit meine ich nicht, gegen die USA zu demonstrieren, so löblich das auch ist, sondern, sich lokal einzusetzen. Gegen die Armut im Quartier, für bessere Kinderbetreuung, in Parteien aktiv zu werden, in Bürgerinitiativen, in all den kleinen Freiräumen, die man durch sein Engagement ausdehnen kann. Eine wirkungsvolle Art, das System zu ändern, hoffe ich.

Im Zentrum Ihrer Utopie überlebt Italien, wo Ihre Erzählerin Donatella lebt. Was macht ausgerechnet Italien für Sie so widerstandsfähig?

Die Art, wie sich die Menschen im Land immer wieder neu erfinden. Das Nebeneinander von Faschisten und Kommunisten und nie weiß man genau, wie der Kampf ausgeht. Die Armut, die kaum ein Tourist sieht, die Ruinen, auf denen man prächtig etwas Neues bauen kann.

Im Nachwort bedanken Sie sich bei Adriano Celentano. Wofür?

Für die tolle neue Nationalhymne in „La Bella Vita“.

Richtig, der unaussprechlichste Song aller Zeiten: „Prisencolinensinainciusol.“ Teil Ihrer Vorstellung einer besseren Welt ist auch besserer Kaffee. Eine schöne Zukunftsidee. Haben Sie eine Beziehung zu Wiener Kaffeehäusern? Sieht man Sie dort, wenn Sie in Wien sind?

Nein ich habe aber eine sehr starke Beziehung zu Kniže (Herrenausstatter, Anm.), dem Rabenhof Theater, den prächtigen asiatischen Restaurants in der Stadt und den netten Menschen. Immerhin habt ihr mir den wichtigsten Theaterpreis gegeben.

(Sibylle Berg erhielt 2019 den NESTROY für das Beste Stück, Anm.)

Außerdem ist da die Bekanntschaft mit Voodoo Jürgens, mit der Band Kreisky, und allen die ich gerade vergessen habe. Meine Liebe für Euch!

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Sibylle Berg:
„PNR: La Bella Vita“
Kiepenheuer & Witsch.
416 Seiten.
27,95 Euro