Leïla Slimani, die ewig Zerrissene
Seine Töchter sind entsetzt, als sie das nackte Gesicht ihres Vaters sehen: Der Bart ist weg.
Marokko, Ende der 1980er. Mehdi Daoud, angesehener Banker, ist viel in der Welt unterwegs. Er will nicht mehr als „Araber“ wahrgenommen werden. In New York und Paris will er Financiers für Infrastruktur- und Tourismusprojekte finden. Aber wer will schon in ein Land investieren, das „als nächstes auf der Liste“ steht, sagt ein französischer Geschäftspartner. Gemeint ist die Liste der Islamisten, die sich Algerien und den Iran einverleibt haben. „Wie verkauft man Hotels mit Pool und Strandzugang in einem Land, in dem Frauen nicht aus dem Haus gehen dürfen und Dieben die Hand abgehackt wird?“, sagt der Geschäftspartner.
Mehdi meint noch, in Marokko sei alles anders, hier herrsche ein offener und toleranter Islam. Der andere sagt: „Du brauchst nur den Fernseher einzuschalten, um überall dasselbe Lied zu hören – die Araber gegen die zivilisierte Welt.“
Bald heißt es auch in Marokko: Die Straße den Arabern, die Elite mit dem Westen. Bärtige Männer und verschleierte Frauen schwenken Korane und rufen „Allahu akbar“. Über ihren Köpfen flattern riesige Porträts von Saddam Hussein und, ungeachtet der Unterschiede zwischen den beiden, Jassir Arafat. Die Menge skandiert, „Bush ist ein Mörder und Mitterrand sein Knecht.“ Linke und Islamisten fordern gemeinsam „uneingeschränkt arabische Solidarität“.
In „Trag das Feuer weiter“, dem dritten und letzten Band ihrer Familientrilogie, verbindet die franko-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani erneut meisterhaft persönliche Geschichte mit Weltpolitik. Sie beschreibt die Zerrissenheit der Welt, aus der sie stammt. Die zu einem der gefährlichsten Konfliktherde überhaupt geworden ist: Der „Westen“ gegen die arabische Welt.
In ihrer vor knapp sechs Jahren begonnenen Reihe erzählt Slimani, lose auf den Erfahrungen ihrer Familie basierend, vom Schicksal dreier Generationen von 1945 bis heute. Beginnend mit ihren Großeltern, dem marokkanischen Offizier Amine und der Elsässerin Mathilde, die gemeinsam ein karges Stück Land am Fuß des Atlas-Gebirges zu einem ertragreichen Landwirtschaftsbetrieb machen.
Keiner kommt gut weg
Slimani erzählt von Kolonialherrschaft und alltäglichem Rassismus auf der einen Seite, von Aberglauben und patriarchalischen Traditionen auf der anderen. Da die Franzosen, dort die Einheimischen. Keiner kommt besonders gut weg, aber beide sind Familie.
Slimani, 1981 in Rabat geboren, berichtet von Freiheitsdrang, der Sehnsucht nach Modernisierung Marokkos und dem gleichzeitigen Versuch, Traditionen zu bewahren. Von auf der Strecke Gebliebenen und einer „korrupten verwestlichten Elite, die von der Liberalisierung profitiert“. Letzteres wird in „Trag das Feuer weiter“ auch Mehdi, dem Vater ihres erzählerischen Alter Egos Mia, vorgeworfen. Eine Geschichte, die auf Tatschen beruht und die Slimani schon in ihrem Essay „Der Duft der Blumen bei Nacht“ angedeutet hat. Im Zentrum dieses 2022 erschienenen autobiografischen Textes standen ebenfalls das Aufwachsen in Marokko und das spätere Leben in Paris.
Slimanis Schreiben kreist oft um persönliche Zerrissenheit und deren politische Dimension. Mit ein Grund, warum sie seit Jahren zu den kulturpolitischen Beratern des französischen Präsidenten zählt. Es geht ihr aber um mehr als Autobiografie. Es geht ihr auch um Möglichkeiten und Grenzen von Literatur. Sie schrieb die Geschichte einer Nymphomanin („All das zu verlieren“) ebenso wie jene einer Kindsmörderin („Dann schlaf auch du“), für die sie 2026 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Im aktuellen Roman kommunizieren Mia und ihr Vater hauptsächlich über Bücher. Ein Allheilmittel ist die Literatur aber nicht. Ein Rückzugsort? Eher umgekehrt. In „Der Duft der Blumen bei Nacht“ heißt es, Rückzug sei Bedingung für das Schreiben „damit das Leben eintreten kann“.
Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter“
Übersetzt von Amelie Thoma.
Luchterhand. 444 Seiten. 26,95 Euro