Julian Barnes und sein angeblich letzter Roman: Schalk und Melancholie

46-221572249
Julian Barnes hat mit „Abschied(e)“ sein letztes Buch geschrieben, sagt er. Das will man auf keinen Fall wahrhaben.

Der Geruch von nassem Hund oder vom Klebstoff, den er beim Bauen von Modellflugzeugen verwendete. Und nicht, wie bei Marcel Proust, der Geschmack von in Lindenblütentee getauchten Madeleine-Biskuits wäre es, der bei Julian Barnes eine Zeitreise in die Kindheit auslösen würde. Wäre diese Sache mit dem plötzlichen Auslöser eines Schwalls von Erinnerung überhaupt plausibel. „Wer glaubt denn im Ernst, dass all diese auktorialen Erinnerungen von einer Tasse Tee hervorgerufen werden?“

„Auktorial“, das bedeutet: aus der Sicht des Autors. Was zur Frage führt: Ist der Erinnerung überhaupt zu trauen? Meistens ist sie doch im Nachhinein geformt. Man erzählt so oft vom Gestern, dass man diese ausgeschmückten Anekdoten letztlich selber glaubt, schreibt Julian Barnes.

Ein Lebensthema des britischen Schriftstellers. Schon in frühen Romanen wie „Liebe usw.“ schrieb Barnes über verschiedene Wahrnehmungen von Erlebtem und vermeintlichen Tatsachen.

Darum ging es später auch im Roman „Vom Ende einer Geschichte“, für den er 2011 den Booker Preis erhielt – „endlich“, wie er sagte. Der Roman handelt von einem Mann, der vierzig Jahre später die Erlebnisse seiner Jugend in ganz neuem Licht sehen muss und plötzlich Zweifel an der eigenen Biografie bekommt.

Um Erinnerung und ihre Behauptung dreht sich nun auch „Abschied(e)“, das neue Buch von Julian Barnes. Wie so oft ist es eine Mischung aus Roman (einer zweigeteilten Liebesgeschichte), Essay, diversen Lebensbetrachtungen. Und möglicherweise tatsächlich ein Abschied. Ganz nebenbei lässt Julian Barnes wissen: „Dies ist mein letztes Buch.“

Die feine Art

Barnes hat eine Form von Blutkrebs. „Beherrschbar.“ Er wird, sagt der Arzt, nicht am Krebs, sondern mit Krebs sterben, erzählt Barnes, nonchalant über allerlei medizinische Details plaudernd.

Es hatte diffus angefangen. Man hatte ihn zu Untersuchungen ins Spital geholt, wo er sich die Zeit mit After- Eight-Schokolade und dem Guardian-Kreuzworträtsel vertrieb. Die behandelnde Ärztin, sehr literaturaffin, erzählte ihm, ihr Nachbar sei John Le Carré. Auf die Diagnose Krebs kam sie trotzdem nicht gleich. Barnes’ Lebensgefährtin Rachel wusste es vorher, sie hatte Doktor Google gefragt. Rachel, glaubt Barnes, wird es nach seinem Tod schwerer haben. Sie wird ja damit leben müssen. Beiläufig schreibt er das, dabei weiß er, was es bedeutet. Seine erste Frau ist 2008 nach dreißig gemeinsamen Jahren an Krebs gestorben. Er weiß, wie man mit Trauer lebt. Es ist dieser unnachahmliche Barnes-Ton, den wir hier womöglich ein letztes Mal erleben dürfen. Melancholisch und ironisch zugleich. Spöttisch und elegant. Klänge es nicht sehr nach Klischee, würde man sagen: auf seine feine englische Art (die man ihm auch ansieht) erzählt er etwa von allerhand makaberen medizinischen Kuriositäten. Nimmt sich selbst nicht ernst („ich bin jetzt Mitte siebzig, und wie die meisten älteren Menschen langweile ich mich manchmal selbst“) und kommt in fröhlich-satirischem Plauderton, very british, fast unbemerkt, ans Eingemachte. Zur Vergänglichkeit. Wie schnell alles vorbei ist. Gerade deshalb sollte man sich nicht ernst nehmen. Am College sagte man ihm, dies seien nun die besten Jahre. „ Mehr kommt da nicht?“, fragte er sich und „verfiel in Trübsinn“.

Damals lernte er auch Stephen und Jean kennen, die sich liebten, trennten, wiederfanden, wieder trennten. Deren Geschichte Barnes hier erzählt, obwohl er schwor, das nicht zu zun. Er spiele mit dem Leben anderer Leute, warnte Jean ihn. Aber „machen das nicht alle Romanschreiber?“, sagte er sich. Auch hier wieder die Frage: Stimmt diese Story überhaupt? Wenn zwei Liebende auf ihre Geschichte zurückblicken, werden sie selten dasselbe erzählen, zitiert Barnes Proust. Und er fügt hinzu: „Das Leben und das Gedächtnis können so wunderlich sein, finden Sie nicht?“ 

Julian Barnes: „Abschiede“
Übersetzt von Gertraude Krueger. 
Kiepenheuer & Witsch.
256 Seiten. 24,95 Euro