Booker-Preisträger David Szalay: "Einer, der nicht ständig über sich redet"

++ HANDOUT ++ INTERVIEW MIT BOOKER PREISTRÄGER DAVID SZALAY
Als im November der prestigeträchtige Booker Prize an den Schriftsteller David Szalay vergeben wurde, jubelten gleich mehrere Länder. Ein bisschen jubelten auch die Wiener.

KURIER: Als Sie den Booker Prize bekommen haben, wurden Sie gleich von den Wienern vereinnahmt, es hieß, ein Wahlwiener habe gewonnen. Stimmt das so?
David Szalay: Es ist ein bisschen komplizierter als das. Ich habe eine Wohnung in Wien, verbringe aber viel Zeit in Ungarn, woher ich stamme, und außerdem in Slowenien, wo wir auch  wohnen.

Sie wissen ja, die Österreicher machen das immer mit Gewinnern. Sie vereinnahmen sie. Am liebsten würden sie auch Beethoven für sich reklamieren. 
Haha, das glaub ich, aber das machen die anderen auch. Auch die Ungarn und die Kanadier wollen mich für sich reklamieren.

Sie wurden in Kanada geboren.
Ja, ein Teil meiner Familie lebt noch dort. Ich bin aber in Großbritannien aufgewachsen. Rein technisch dürfen sich auch die Kanadier über den Preis freuen, ich habe die kanadische Staatsbürgerschaft.

Hat Sie dieser Preis jetzt reich und  berühmt gemacht?
Die Verleihung ist ja gerade erst einen Monat her. Aber tatsächlich hat mich vor ein paar Tagen jemand auf einem amerikanischen Flughafen erkannt und angesprochen. Das ist mir wirklich noch nie passiert.     Ansonsten kann ich berichten, dass natürlich die Buchverkäufe sofort in die Höhe geschnellt sind. Und ich habe  auch gehört, dass mein Roman derzeit in ein paar obskure Sprachen übersetzt wird. Außerdem habe  ich jetzt ständig Interviewanfragen, die ich sonst wohl nicht hätte.

Die politische Situation ist aktuell in Ungarn recht angespannt, um es milde auszudrücken. Es gibt zwar keine staatliche Zensur für Künstler mehr, aber der politische Druck ist enorm.  Selbst der berühmte Schriftsteller Péter Esterházy (2016) berichtete, dass er diesen Druck zu spüren bekommen habe. Was wissen Sie darüber? Denken Sie manchmal, wenn es brenzlig wird, fahr’ ich nach Wien ?
Meine Situation  Ungarn betreffend ist kompliziert. Ich schreibe ja nicht auf Ungarisch, also bin ich streng genommen kein ungarischer Schriftsteller. Mein aktuelles Buch kommt nächstes Jahr beim größten Verleger Ungarns heraus. Was ich zur politischen Lage sagen kann: Wir leben hier derzeit in einer Art Grauzone.   Die nächsten Wahlen (voraussichtlich im April 2026, Anm.) werden sehr bedeutsam sein.  Die Menschen in Ungarn sind sehr nervös. Es steht viel auf dem Spiel für Ungarn.

Wohl auch für Europa. Viktor Orbáns Rolle in der Staatengemeinschaft ist die eines dauernden Störfeuers und Ungarns Beziehung zu Russland ist, gelinde gesagt, fragwürdig.
Ja, Ungarn hat sich mit den meisten Ländern Europas angelegt.  Die ganze Situation wirkt verfahren.

Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen. Auf Englisch heißt es „Flesh“, auf Deutsch  „Was nicht gesagt werden kann.“ Klingt nett, aber etwas beliebig, oder? 
Der deutsche Verleger hat den Titel ausgesucht. Dass er es nicht „Fleisch“ nennen würde, war wohl klar. Also musste er sich etwas anderes einfallen lassen. Der Titel klingt irgendwie literarischer, wer das Buch auf Deutsch liest, wird es gewissermaßen durch eine andere Türe betreten. Der Titel vermittelt  eine andere Atmosphäre als der englische. Abgesehen davon, finde ich ihn gut, denn er sagt das aus, worum es hier geht. Um etwas Unaussprechliches.
Da haben Sie wohl recht. Was Ihrem Protagonisten István alles zustößt oder was er tut, ist einerseits so unfassbar, und gleichzeitig geschieht es oder tut er es wie nebenbei, es wird nicht groß besprochen.
Ja, und deshalb gefällt mir der Titel. Ich tu mir ja selbst schwer, über das  Buch zu sprechen.

Und was hat es mit dem englischen Titel „Flesh“ auf sich?
Das Buch dreht sich stark um die Existenz als physisches Erlebnis. Sämtliche Wendepunkte in diesem Buch sind physische Erlebnisse.  Es gab zunächst Bedenken wegen des Titels, weil er zu roh, zu unliterarisch, fast schon vulgär klingt.  Aber wir haben uns dann dafür entschieden, gerade weil er sich ein bisschen unangenehm anfühlt.

Wie sind Sie zur Figur des István gekommen?
Ich wollte einen halb ungarischen, halb englischen Protagonisten. Es lag auf der Hand, die Geschichte eines ungarischen Emigranten in London zu erzählen, ich habe  einige  Familienmitglieder mit einer solchen Geschichte.   Ich selbst bin ja den umgekehrten Weg gegangen, von England nach Ungarn, von wo mein Vater stammt.  Ich wusste also von Anfang an, dass ich in meinem Roman eine Emigrantengeschichte erzählen will und vom Leben als physisches Ereignis. Dafür wollte ich einen Darsteller wie István, der nicht ständig über sich redet.

Ist in dieser Figur des István etwas, dem Sie sich persönlich irgendwie nahe fühlen?
Sicher. Es geht ja um fundamentale menschliche Erlebnisse.

Ist es Ihnen wichtig,  Ihre Protagonisten zu mögen?
Mögen ist das falsche Wort. Verbundenheit ist wichtig. Die Figur als Mensch wahrzunehmen.

Am Ende sitzt István wieder allein mit seiner Mutter in der kleinen Küche in Budapest. Das fühlt sich ein wenig desillusioniert an. Auch  irgendwie nackt, nach allem, was zuvor passiert ist und was er erlebt hat. In gewisser Weise ist es ein Zurück zum Eigentlichen.  Ich bin mir  nicht sicher, ob dieses Ende  traurig ist. Soll es das sein? 
Ich bin froh, dass Sie das ansprechen und so sehen. Das ist exakt das, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das Ende traurig ist. Irgendwie schon und man kann natürlich überhaupt nicht sagen, dass es ein Happy End ist. Aber es ist etwas Positives darin. Ich habe sehr darauf geachtet, dieses Gefühl nur zart anzudeuten und nicht direkt auszusprechen, woraus genau es denn bestehen könnte, sonst hätte ich es zerstört.

István hat viel gewonnen und viel verloren. Hätte er  sein ganzes Leben in der Küche seiner Mutter verbracht, wäre es tatsächlich traurig gewesen.
Ja, das wäre weit deprimierender gewesen. István hat sich im Lauf der Handlung stark verändert. Und trotzdem ist er derselbe Mensch geblieben. Das Geld, die vielen physischen Begegnungen, all das hat nichts daran geändert.

Auch Geld ist in Istváns Leben eine Phase. Irgendwann ist es vorbei. Er bleibt derselbe Mensch.  
Geld zu haben und es wieder zu verlieren, hinterlässt Spuren. Es verändert aber nicht den Menschen an sich. Das Buch ist  auch ein Nachdenken über Haben und  Sein.