Jochen Gutsch und "Frankie": „Einem Kater wird viel mehr verziehen“

Jochen Gutsch, Autor der sympathischen Buchreihe über einen sprechenden Straßenkater, über den neuen Band "Frankie – Unter Menschen".
Ein Mann mit dunklen Haaren und hellem T-Shirt blickt ernst in die Kamera, im Hintergrund ist es dunkel.

Frankie hat schon einmal einem Mann das Leben gerettet. Jedenfalls hat der durch Frankies Intervention damit aufgehört, sich aufzuhängen. Das ist keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass Frankie ein Kater ist. Ein ziemlich zernepfter noch dazu, an einem Ohr fehlt ein Stück. Gold, so heißt der Mann, und Frankie haben sich dann angefreundet. Dabei hat geholfen – beziehungsweise manchmal auch wieder nicht – dass Frankie sprechen kann.

Mit jedem Menschen spricht Frankie nicht, soweit kommt’s noch. Aber mit Gold kann er sich gut unterhalten: Darüber, was eine Depression ist und was der Sinn des Lebens. Am Ende des Romans „Frankie“ hat sich Gold selbst in die Psychiatrie eingewiesen – oder, wie es Frankie jedem erklärt: „in die Klapse, da kommen Menschen hin, die Problemlagen haben.“

Das Buchcover von Jochen Gutsch zeigt eine Katze mit grünem Blick und Hawaiihemd vor lila Hintergrund.

Jochen Gutsch: „Frankie – Unter Menschen“ (Penguin, 240 Seiten, 24,95 Euro)

Frustration wegen Klapse

Zu Beginn des neuen Bands „Frankie – Unter Menschen“ (Penguin) hat der Ex-Straßenkater also nun ein Dach über dem Kopf. Aber unter dem Dach ist er allein. Ein befreundeter Dackel namens Herr Professor hat ihm gesagt, er muss an seiner Frustrationstoleranz arbeiten. „Einen Nachmittag lang dachte ich wirklich, ich schaff’s. Mit der Frustration, das klappte nämlich gleich richtig gut, und ich dachte, das wär ja schon mal die Hälfte vom Aal. Aber Toleranz? Am Arsch.“

Jochen Gutsch legt Frankie die unverblümte Sprache ins Maul. Wie kommt man darauf, einen Kater zum Held und Erzähler zu machen? „Das war schon als Kindheitswunsch so in mir. Ich mag noch immer wahnsinnig gern Trickfilme. Ich finde, dass ein Tier ein toller Erzähler ist, einfach weil es nicht menschlich ist. Es könnte auch ein Außerirdischer sein. Den Blick von außen auf den Menschen finde ich spannend.“

Höflich ist er ja nicht

Praktisch an Frankie ist, dass er sich viel mehr erlauben kann: „Das ist ja keine höfliche Figur. Man muss als Schriftsteller weniger Rücksicht nehmen, kann sich mehr trauen. Dem wird ja viel mehr verziehen.“ Das führt zu einer sehr argen, aber auch sehr lustigen Szene, in der Frankie mithört, wie seine neue Gefährtin ein wirklich schlimmes Schimpfwort für Migrantinnen geheißen wird, das er in erschütternder Naivität für ihren Namen hält. „Für ihn könnte das auch eine besondere Art Fuchs sein“, erklärt Gutsch. Ihren richtigen Namen erfährt man übrigens nie. Sie heißt hernach „Shattab“, weil der Kater auch ihre Aufforderung, zu schweigen („Shut Up“) missverstanden hat. Shattab ist aus ihrer Heimat geflohen und ist genauso verloren wie Frankie, der da so ein Missgeschick mit der Müllabfuhr hatte.

Gutsch, der auch Journalist ist, fand es reizvoll, dass Frankie ihr gegenüber ohne politische Korrektheit auskommt: „Ich weiß gar nicht, wie viele Artikel ich gelesen habe, ob man fragen darf: Wo kommst du her? Das macht Frankie natürlich, weil es völlig normal ist. Er fragt sich nicht, wie darf ich die behandeln, wenn sie so etwas Schlimmes durchgemacht hat – wie Menschen es machen würden. Es ist für ihn einfach ein Mädchen wie jedes andere.“

Sicher nicht lustig-lustig

Wie schon im ersten Roman treffen auch in „Frankie – Unter Menschen“ ernste Themen und Humor aufeinander. „Ich glaube, auch in Büchern, die humorvoll sind, muss es um etwas gehen. Es muss eine Dringlichkeit geben. Das finde ich nicht oft in Romanen. Bei uns Deutschen ist es oft so lustig-lustig. Das verstehe ich immer gar nicht. Für mich fängt die Komik da an, wo etwas schiefläuft, wenn’s nicht klappt.“

Durchaus realistisch ist die Gefahr des Kitsches, wenn man ein Buch mit einem sprechenden Tier schreibt. Wie wappnet man sich? „Kitsch wäre für mich, wenn der Kater so süßlich wäre, wenn der immer empathisch wäre und den Menschen helfen will. Er ist aber egoistisch, er ist auch nicht nett. Er findet auch nicht alle Menschen gut, mit den meisten redet er nicht.“

Gibt es denn einen „Bestsellerfaktor Katze“? Zumindest sei es ein zweischneidiges Schwert: „Es gab schon auch Leute, die gesagt haben: Wie spricht der denn?! Meine Mieze würde das nie machen, die ist viel zu süß. Und für das Feuilleton wiederum ist das Katzenquatsch.“ Trotzdem hat wohl auch der Faktor Katze Guschs ersten Frankie-Roman zum Bestseller gemacht: „Das ist irre. Das Buch erscheint in 26 Ländern.“

Fat-Shaming unter Tieren

In manchen gab es Anlaufschwierigkeiten: „Einmal rief mich die Lektorin im Urlaub an und sagte, der US-Verlag will nicht, dass der Katzenminzedealer ein schwarzer Afghane ist. Das ist er natürlich, weil das ein Synonym für Haschisch ist. Ich fragte, das ist denen aber schon klar, dass das ein Hund ist? Ja, trotzdem, schwarz soll er nicht sein. Und einmal sagt der muskulöse Eichkater zu Frankie, er sei auch ganz schön fett geworden Das wäre auch nicht gegangen: Fat-Shaming. Ich kam mir da echt vor, als wäre ich in einer Comedy gelandet.“

Ob es noch einen dritten Teil mit dem verwegenen Straßenkater geben wird, kann Gutsch noch nicht sagen: „Da muss mir wieder eine gute Geschichte einfallen.“ Aber vielleicht gibt es bald einen Film: „Die Rechte sind verkauft, es werden Drehbücher geschrieben. Aber es ist schwierig, denn Frankie muss animiert werden. Er muss aussehen wie eine echte Katze, keine Comic-Katze. Das ist für Deutschland ungewöhnlich und es ist teuer.“

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