"Man läuft Gefahr, das gesamte Öko-System der Kultur zu zerstören"
Es ist nicht ihr erstes Jahr als Intendantin der Bregenzer Festspiele, aber das erste, in dem sie eine von ihr geplante Produktion auf der Seebühne zeigen kann: „La traviata“. Am 22. Juli hat die Verdi-Oper am Bodensee Premiere, knapp 400.000 Besucher werden in den kommenden zwei Sommern eine der Aufführungen sehen.
Für Lilli Paasikivi, die neue Chefin des renommierten Festivals, war 2022, als sie bestellt wurde, rasch klar, dass die berührende Geschichte der Kurtisane ihr erstes künstlerisches Statement auf der Seebühne sein werde. „Die Musik, die Melodien, die Story, die Verbindung von Intimität und öffentlichem Leben – es gibt fast niemanden, der zu ,Traviata’ keine Emotion hat.“ Tatsächlich wurde dieses Werk noch nie bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt. Und als sie Damiano Michieletto, den seit Jahren so erfolgreichen italienischen Regisseur, fragte, ob er die Inszenierung übernehmen würde, fand sie heraus, dass auch er das Werk noch nie auf eine Bühne gebracht hatte. Lauter Debüts also in Bregenz.
30 Prozent weniger
Vergangenen Sommer waren die Festspiele in die Schlagzeilen geraten, weil sie knapp vor Beginn mit einer Subventionskürzung von 4,2 Millionen Euro auf zwei Jahre (30 Prozent) konfrontiert waren. Hat Paasikivi dieses „Einstandsgeschenk“ als Foul der Geldgeber empfunden? „Es war jedenfalls nicht das, was man eine Morgengabe nennt.“ Für die Zukunft hofft sie auf Besserung. „Letzten Sommer hat Kulturminister Babler gesagt, dass ,breite Schultern mehr tragen‘ – darauf bezogen, dass die Kürzungen in Bregenz auch anderen Institutionen helfen würden. Ich hoffe, dass wir nun genug beigetragen haben und zum dringend nötigen ursprünglichen Niveau zurückkehren.“
Was bei der Budgetrede von Finanzminister Markus Marterbauer in der kommenden Woche in Hinblick auf die Kultur publik werden wird, weiß sie noch nicht. „Wir durchforsten ständig unsere Kosten, das muss auch so sein. Und was Sparzwänge betrifft, steht Österreich natürlich nicht alleine da“, sagt sie. Aber: „Wenn es weitere Kürzungen gibt, müssen immer zuerst die kleinen, interessanten Dinge dran glauben, weil die großen längst geplant sind. Aber es ist genau dieses künstlerische Mosaik, das so ein Festival ausmacht. Als Kuratorin des Programmes fände ich die Situation extrem frustrierend.“ Bregenz sei auch in Hinblick auf die Besucherzahlen extrem erfolgreich. „Wir haben kein Einnahmen-, sondern nur ein Kostenproblem. Alles wird teurer. Und wenn dann gekürzt wird, läuft man Gefahr, das gesamte Öko-System der Kultur zu zerstören. Der Welleneffekt ist gewaltig. Wenn man das Fundament zum Wackeln bringt, muss man alles überdenken.“
Leistbar für alle
Ticketpreise zu erhöhen, sei für sie letzte Option. „Wir wollen die Karten leistbar für alle halten.“ Sie selbst, eine ehemalige (sehr erfolgreiche) Mezzosopranistin, hat vor Bregenz die Nationaloper in Helsinki geleitet. „Dort kosten die billigsten Karten dank substanzieller Förderung nicht mehr als im Kino.“
Finnland galt überhaupt lange Zeit als Vorbild für innovativen Umgang mit klassischer Musik. „Das stammt aus den 1970er Jahren“, sagt die Intendantin. „Damals gab es Musikunterricht für jeden. Und Gratis-Instrumente für Kinder. So sind über die Jahre große Dirigenten und Sänger entstanden.“
Wie sieht sie die Rolle ihres Genres überhaupt, vor allem in Krisenzeiten? „Ich habe mich in Finnland intensiv mit der Rolle von Kunst und Kultur für die geistige Gesundheit auseinandergesetzt. Ohne Kultur geht es der Gesellschaft eindeutig schlechter. Das hat man auch während der Corona-Pandemie gesehen, als alles geschlossen war. Kultur kann Menschen zusammenhalten, sie ist so wichtig für die Identität eines Landes und trägt zu einem konstruktiven Dialog und zum gegenseitigen Verständnis bei. Wenn es sie nicht mehr in dieser Form gibt, was kommt stattdessen? Digitaler Trash? KI-Content ohne Substanz? Fake news? Es hat Jahrhunderte gedauert, bis wir manches aufgebaut haben. Das darf nicht leichtfertig zerstört werden.“
In Bregenz will sie ihre eigene Handschrift zeigen, die Tradition mit einer großen Seeoper (ab 2028 wird es Wagners „Der fliegende Holländer sein“) und Raritäten an den anderen Spielstätten jedoch beibehalten. Im Festspielhaus gibt es heuer „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček, auf der Werkstattbühne zwei experimentellere Musiktheaterproduktionen: „Passion of the Common man“ (zum Thema „Mental health“) und „YUM!“ (zum Thema Überkonsum). Dazu ein Gastspiel des Burgtheaters (aufgrund einer Extra-Subvention doch möglich): Molières „Der eingebildete Kranke“ in der Regie von Stefan Bachmann. Besonders freut sie sich auf ein Sonderprojekt zum 80-Jahr-Jubiläum des Festivals: ein Singalong am See mit mehr als 6000 Choristen aus der ganzen Bodensee-Region.
Aber wie könnte sie die Entscheidungsträger von der Unersetzbarkeit von Kunst und Kultur überzeugen? „In Finnland gab es einen neuen Kulturminister, der sich nicht für Oper interessiert hat. Aber wir wussten, dass er Rap liebt. So haben wir auf YouTube ein Rap-Video als Einladung für ihn aufgenommen – und plötzlich ist er gern gekommen.“ Was man diesbezüglich in Österreich machen müsste, weiß sie noch nicht.
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