„Die Ausflüge des Herrn Brouček“ in Bregenz: Endstation Bierfass
Plötzlich beginnt das Haus zu rotieren und landet flugs mit dem spitzen Dachgiebel auf dem Boden des Mondes. Chapeau vor dem Tenor Robert Hoare, der diese Umdrehungen im Innern des Hauses, nur mit einem Seil gesichert, mitmacht.
Der Kontrast zwischen den beiden Neuproduktionen bei den Bregenzer Festspielen ist in diesem Sommer in jeder Hinsicht mindestens so gigantisch wie der zerbrochene Spiegel auf der Seebühne, vor dem sich das Schicksal der Kameliendame erfüllt. Die Rede ist von Verdis „La traviata“, die ohne Sinn mehr im als am Wasser stattfindet, und von Leoš Janáčeks Opernsatire „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ im Festspielhaus.
Da sind die ersten Bravos bereits beim Pausenapplaus zu hören. Denn Regisseur Yuval Sharon hat offensichtlich eine Hand für fantastische Stoffe. Er zeigt die Geschichte des Hausbesitzers Matěj Brouček als das, was sie ist. Eine Satire auf menschliche Schwächen, die durch ihre märchenhaften Züge in ihren Bann zieht: Brouček träumt sich in seinem Bierrausch erst auf den Mond und dann ins mittelalterliche Prag.
Jon Bausor hat für beide Teile ein Meisterwerk als Bühne geschaffen. Auf einer schwarzen Leinwand baut sich nach und nach der Umriss einer Stadt auf. Der Mond zieht über die Dächer, alles scheint friedlich. Im Zentrum erhebt sich der Querschnitt eines Hauses. Im einzigen Zimmer sitzt Brouček vor dem Fernseher. Plötzlich beginnt sein Haus zu rotieren und landet flugs mit dem spitzen Dachgiebel auf dem Boden des Mondes.
Chapeau vor dem Tenor Robert Hoare, der in der Titelrolle, nur mit einem Seil gesichert, diese Umdrehungen im Innern des Hauses mitmacht.
Seltsame bunte Gestalten trifft er auf dem Mond an. Gleichförmige Quader mit Händen und Füßen, die erst vor Angst zittern, als sie den Fremdling sehen, ihn aber dann als Mörder verurteilen, weil er Würste isst. Denn auf dem Mond lebt man von der Poesie – und die wird zelebriert. Dass Janáček damit auf eine tschechische Künstlergruppe anspielte, muss man nicht wissen.
Hinreißendes Bühnenbild: Brouček träumt sich in seinem Bierrausch erst auf den Mond – und dann ins mittelalterliche Prag.
Bei Yuval Sharon funktionieren diese Szenen als großartige, farbenprächtige Hommage an das Absurde. Hannah Wasilesky lässt auf Videos im Hintergrund Ornamente tanzen. Das Beste aber ist, dass jedes Bild im Einklang mit der Musik entsteht. Jeder Takt wird hier präzise Illustriert.
Doppelter Bühnenboden
Im nächsten Teil übertrifft sich der Bühnenbauer selbst. Um Broučeks Weg in die unterirdischen Gänge zu symbolisieren, öffnet er den doppelten Bühnenboden. Auf der Innenseite des Deckels ist ein Spiegel, der das Geschehen auf der Bühne verdoppelt, was in den Chorszenen besonders gut funktioniert. Ein wahres Meisterstück. Denn hier geht es um Massenszenen. Brouček gerät unter die Hussiten, die von den Kreuzrittern als Ketzer verfolgt werden. Er muss mit ihnen kämpfen, drückt sich aber und soll als Verräter in einem Bierfass verbrannt werden. Am Ende erwacht er darin vor seinem Wirtshaus.
Die Solisten verkörpern mehrere Rollen. Tatev Baroyan setzt sich mit ihrem klaren Sopran gut in Szene. Tenor Mihails Čuļpajevs verfügt über die nötige Durchschlagskraft, die ein Sänger bei Janáček braucht. Eine Entdeckung ist die junge Sopranistin Gaja Napast. Auch alle anderen Partien sind sehr gut besetzt. Besonders hervorzuheben ist der exzellente Prager Philharmonische Chor (Einstudierung: Lukáš Vasilek), der in allen Lage furios intoniert.
Robert Jindra, Musikdirektor der Prager Nationaloper, sorgt subtil für musikalische Strahlkraft und tschechischen Klang. Die Symphoniker folgen ihm hoch konzentriert. Verdienter Jubel für alle Beteiligten. Gute Voraussetzungen also für Yuval Sharons nächsten Job am Bodensee: 2028 folgt „Der fliegende Holländer“.
KURIER-Wertung: 4,5 Sterne
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