Bonnie Prince Billy: „Ich finde, diese Gier nach Macht ist krank“

Der US-Songwriter hat ein neues Album („We Are Together Again“) herausgebracht und sinniert über Präsident Donald Trump
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„Die Menschen sind extrem hungrig nach Austausch. Ich merke das bei meinen Konzerten: In den 35 Jahren, in denen ich Musik live spiele, waren die Leute noch nie so dankbar wie jetzt.“ Das ist aber nicht der Grund, warum Bonnie Prince Billy sein neues Album „We Are Together Again“ getauft hat.

Schon während der Pandemie entstanden die ersten Songs dafür. Mit dem Titel beschrieb der Indie-Folk-Star damals die Gemeinschaft von Kreativen und Musikern, die an diesem Projekt mitwirkten, Instrumente wie Harfe, Flöte oder Streicher spielten. Aber natürlich, sagt der als Will Oldham geborene Amerikaner im KURIER-Gespräch, wolle er mit dem Titel auch Hoffnung in diese unsichere, bedrohliche Zeit bringen. Wie so häufig kontrastiert der 56-Jährige auf „We Are Together Again“ zarte, Ruhe ausstrahlende Melodien mit Texten, die drastisch die Realität des Lebens in der heutigen Zeit abbilden und die Frage stellen, wie wir gegen die politischen und sozialen Strömungen Widerstand leisten.

„Ich habe die Lieder aus der Covid-Phase in all den Jahren immer wieder gespielt und die Texte angepasst“, erzählt er. „Aber Songs wie ,Life Is Scary Horses‘ oder ,They Keep Trying To Find You‘ waren seit eineinhalb Jahren fertig und passen trotzdem heute perfekter denn je. Nur wenige Tage, nachdem das Video zur Vorab-Single ,They Keep Trying To Find You‘ erschienen war, ermordete unsere Regierung Bürger von Minneapolis!“

Auffällig ist, dass Oldham in den Texten des Albums immer auch einen Funken Empathie mit geschundenen, zu Gewalt neigenden Seelen durchscheinen lässt. Zum Beispiel in „Davey Dead“: „Damit erforsche ich Wege, wie man der Neigung zu Hass und Wut nicht nachgeben muss und verstehen kann, dass Menschen, die dazu neigen, nicht immer zur Gänze selbst dafür verantwortlich sind. Oft wurden sie von Umständen und Erlebnissen dazu getrieben, innerlich so zerfressen zu sein. Auch diesen Individuen sollten wir Mitgefühl anbieten können.“

Verrücktes Individuum

Ein interessanter Ansatz. Denn gerade noch, als das Gespräch auf die Morde der Einwanderungsbehörde in Minneapolis kam, hat sich Oldham geweigert, den Namen von Donald Trump auszusprechen. Der Grund: „Für mich ist er ein verrücktes Individuum, ein Deckmantel, der es möglich macht, dass dahinter viel fürchterlichere und hinterhältigere Dinge passieren, weil die Leute nur auf seine Verrücktheiten achten. Mir kommt er im Vergleich zu dem, was hinter dem Deckmantel vorgeht, unwichtig vor.“

Windelweich prügeln

Trotzdem: Könnte Oldham auch einem Trump oder Putin Empathie entgegenbringen, wenn er sie treffen würde? „Ich will immer wissen, warum Leute ticken, wie sie ticken. Ich denke, ein ideales juristisches System sollte pflichtgemäß das Umfeld einbeziehen. Wir sagen, diese Person ist schuldig. Aber warum ist sie es? Niemand ist in einem Vakuum aufgewachsen, und kein Verbrechen gegen die Menschheit entstand in einem Vakuum. Mir gefällt die Idee, mich auf die Personen, die du gerade genannt hast, einzulassen. Wenn ich eine Woche mit ihnen hätte, würde ich sie nicht windelweich prügeln. Ich finde, diese Gier nach Macht ist krank. Und eine Krankheit sollte als etwas gesehen werden, was heilbar ist.“

Natürlich würde er die Kontaktaufnahme mit Putin oder Trump zuerst mit der Musik probieren. Seit Beginn seiner Karriere ist es sein Ziel, dem Publikum „Häppchen zu liefern, über die es nachdenken kann“. Dass er damit Meinungen ändern kann, glaubt er nicht. „Wenn, dann nur sehr langsam“, sagt er. „Essenziell für mich ist, dass ich den Leuten musikalische Haltegriffe biete, die sie ergreifen können, wenn sie bereit dazu sind. Und dass sie damit erkennen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind, und dass es eine Gemeinschaft gibt, die bereit ist, sie willkommen zu heißen.“

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