Dirigent Bertrand de Billy

© APA/HERBERT NEUBAUER

Staatsoper
03/25/2014

Bertrand De Billy sagt "Lohengrin"-Dirigat ab

Wagner-Premiere: Dem Orchesterleiter ist "der Kragen geplatzt".

von Gert Korentschnig

Für die kommende Spielzeit hat Staatsoperndirektor Dominique Meyer am Dienstag die Dirigenten bekannt gegeben. Für die aktuelle Produktion, die schon am 12. April Premiere hat, gibt es aber ein akutes Problem: Bertrand de Billy sagte das Dirigat von Richard WagnersLohengrin“ Montag Abend ab. Für Dienstag Vormittag war noch eine Probe am Wiener Rosenhügel angesetzt – da erfuhren die Musikerinnen und Musiker des Wiener Staatsopernorchesters davon.

„Mir ist der Kragen geplatzt“, begründet De Billy gegenüber dem KURIER diesen Schritt. „Da wurde, was die Behandlung von Künstlern betrifft, einfach eine Grenze überschritten.“

Der gebürtige Franzose, der in Wien nicht nur an der Staatsoper, sondern auch als Chefdirigent des RSO Wien wichtige künstlerische Spuren hinterlassen hat, hatte die Produktion von Christian Thielemann übernommen. Dieser hatte sich zurückgezogen, als er mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden die Salzburger Osterfestspiele übernahm. Dadurch hatte Thielemann keine Zeit mehr für eine Wiener Produktion zu Ostern. Dass nun am selben Tag, nämlich am Palmsamstag, in Wien eine Wagner-Premiere stattfindet und in Salzburg „Arabella“ von Strauss mit Thielemann am Pult, ist einzigartig.

Zunächst ging es bei den Debatten mit De Billy um Striche – „es ist selbstverständlich, dass man eine ,Lohengrin’-Premiere in Wien nicht mit Strichen spielen kann“, sagt er. Nur bei der Gralserzählung wäre er mit der kürzeren Version einverstanden gewesen.

Bei einem Treffen mit Regisseur Andreas Homoki (die Produktion geht danach an das die von ihm geleitete Züricher Oper) im Juni 2013 sei das auch so fixiert wurden. Als es nun in Wien zu Proben kam, hätte Homoki wieder auf einen Sprung im 3. Aufzug gedrängt, woraufhin De Billy Opernchef Meyer damit kontaktierte. Man hätte versucht, eine Einigung zu finden. Als dann aber der Tenor Klaus Florian Vogt am Montag wiederum auf Strichen bestand, fühlte sich De Billy von der Leitung „im Stich gelassen“. Zum KURIER sagt er enttäuscht: „Es geht längst nicht mehr um Striche, sondern um Respekt und Ethos in der Zusammenarbeit.“ Um bei „Lohengrin“ in Wien überhaupt einspringen zu können, musste De Billy einen Oster-„Parsifal“ an der Bayerischen Staatsoper München und eine „Salome“ in Hamburg absagen.

Ersatz: Mikko Franck

Als Ersatz wird nun Mikko Franck, zuletzt bei „La Bohème“ im Einsatz, den „Lohengrin“ dirigieren, heißt es auf KURIER-Anfrage. Meyer: „Ich bedaure die Absage, weil ich De Billy sehr schätze. Aber manchmal gibt es einen Punkt, an dem man die Leute nicht mehr einigen kann.“

Staatsoper: Glockengeläut und Traumwerte

Ich habe zuletzt die Glocke ein bisschen geläutet“, sagte Opernchef Dominique Meyer bei der Präsentation seines Spielplanes 2014/’15. Die Glocke war eine Art Alarmglocke: Alle Rücklagen seien aufgebraucht; wenn sich nicht rasch etwas ändere, schreibe die

Staatsoper fortan ein Defizit. Beim Satz „Die Holding kennt alles im Detail“, gab es Gelächter, weil diese im Zuge der Burgkrise im Schussfeld gestanden war.

Nun ist Meyer optimistisch, dass er „mit Minister Josef Ostermayer und der Holding“ rasch eine gute Lösung für die Zukunft des Hauses finde. Denn immerhin sei die Staatsoper nicht nur künstlerisch, sondern auch wirtschaftlich ein zentraler Faktor: „Wir füllen mit unserem Publikum die Hotels und Restaurants dieser Stadt.“ Es eile sehr mit der finanziellen Besserstellung, denn jetzt werde für die Zeit in vier Jahren geplant – andernfalls singe jemand wie Anna Netrebko (die 2014/’15 als Anna Bolena zurückkehrt) nicht im Haus am Ring.

Die Auslastungszahlen sind fabelhaft: 99,63 Prozent (bis inkl. 23. 3.), sogar noch höher als zuletzt (99,51 Prozent). Die gesamte Sitzplatzauslastung (inkl. Ballett) ging minimal auf 98,94 Prozent zurück. Meyer: „Ich werde selbst komisch, wenn an einem Abend die Auslastung 98 statt 99 Prozent beträgt. Dabei sind das Traumwerte.“

Fünf Prozent teurer

Die Einnahmen sind (wieder bis 23. 3.) von 21,4 Millionen auf 22,09 gestiegen. Pro Vorstellung nimmt das Haus im Schnitt 114.458 Euro ein. 2014/’15 werden die Preise im Schnitt um fünf Prozent erhöht. Meyer: „Wir haben leider keine andere Lösung.“
In erster Linie ging es dem Opernchef aber um die Premieren ab Herbst. Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst war aus persönlichen Gründen nicht anwesend. Es war auch die erste Programmpräsentation seit Jahrzehnten ohne den zuletzt verstorbenen Karl Löbl.

Sechs Neuproduktionen sind 2014/’15 angesetzt, zwei wird Welser-Möst dirigieren: Verdis „Rigoletto“ (mit Piotr Beczala als Herzog) sowie „Elektra“ von Richard Strauss (mit Nina Stemme in der Titelpartie). Dazu kommen die österreichische Erstaufführung von „The Tempest“ mit dem Komponisten Thomas Adès am Pult, „Idomeneo“ zum Auftakt, Mussorgskis „Chowanschtschina“ und Donizettis „Don Pasquale“. Alle Regisseure (Kasper Holten, Lev Dodin, Pierre Audi, Uwe Eric Laufenberg, Irina Brook, Robert Lepage) sind Hausdebütanten.

Yannick Nezet-Seguin dirigiert erstmals an der Staatsoper (den „Fliegenden Holländer“ mit Bryn Terfel), Christian Thielemann wird „Ariadne“ leiten, Kirill Petrenko „Rosenkavalier“ und Simon Rattle zwei „Ring“-Serien. Meyer bestätigte auch, dass Olga Neuwirth und Jörg Widmann an neuen Werken für die Staatsoper arbeiten.

Die schriftliche Stellungnahme von Bertrand De Billy

STELLUNGNAHME

VON BERTRAND DE BILLY
ZU SEINER ABSAGE BEI DER LOHENGRIN – PRODUKTION

AN DER WIENER STAATSOPER

Nachdem die Direktion der Wiener Staatsoper nun zum wiederholten Male verbreitet, ich hätte für die Neuproduktion des Lohengrin wegen eines Strichs im dritten Akt abgesagt, sehe ich mich gezwungen, entgegen meiner festen Absicht, nun doch öffentlich Stellung zu nehmen.

Zum Ersten: richtig ist, dass ich bereits bei Übernahme dieser Produktion erklärt habe, dass ich es im Grunde für unverzichtbar halte, eine Lohengrin-Premiere in Wien so zu geben, wie es der Komponist ausdrücklich gewünscht hat. Es ist eine Tatsache, dass sich Richard Wagner - angefangen von seinen Briefen an Franz Liszt vor der Uraufführung bis zu seinem Tode - immer wieder entschieden gegen Striche im Lohengrin ausgesprochen hat. Das war nicht bei allen seiner Opern so; im Tristan hat er sogar bis zum Schluss zahlreiche Strichvorschläge gemacht, im Fliegenden Holländer und bei Tannhäuser durchaus übliche Striche akzeptiert. Nicht so beim Lohengrin. Der Grund, den üblichen Strich möglichst zu vermeiden (wie es auch schon bei der letzten Neuproduktion an der Wiener Staatsoper geschehen ist – allerdings noch erweitert mit dem vom Komponisten entfernten zweiten Teil der Gralserzählung) liegt aus musikalischer Sicht im symphonischen Aufbau der Partitur, der durch diesen Strich einen empfindlichen Eingriff im Finale erleidet und eigentlich strukturell und harmonisch nicht wirklich akzeptabel ist.

Zum Zweiten: das Argument, das die Direktion nunmehr vorbringt, der Strich sei "international üblich", kann wohl nicht ernsthaft als Argument einer künstlerischen Entscheidung bei einer Neuproduktion an der Wiener Staatsoper geltend gemacht werden. Noch vor wenigen Jahren war nicht nur bei Werken Richard Wagners (Holländer, Tannhäuser, Tristan) sondern auch bei Mozart, Strauss, Verdi und vielen anderen eine Reihe von Strichen "international üblich", an die man heute überhaupt nicht mehr denkt. Die Zeit hat sich hier Gott sei Dank weiterentwickelt, warum ausgerechnet der Strich im Lohengrin sakrosankt sein soll, will sich mir ebenso wenig erschließen, als die offensichtliche Tatsache, dass heutzutage Operndirektoren und Regisseure glauben, die besseren Dramaturgen zu sein als die größten Opernkomponisten der Vergangenheit. Ein weiteres Argument der Direktion war nun plötzlich das der Repertoiretauglichkeit. Wenn man weiß, dass ein hochprofessionelles Archiv wie das der Wiener Staatsoper im Bedarfsfall solche Striche in 15 Minuten öffnet und schließt, wie es ja in der Vergangenheit auch schon der Fall war, kann man diesen Einwurf, denke ich, getrost übergehen. So viel zu den Voraussetzungen.

Dass die Aufführung strichlos herauskommen soll, war also von vorneherein klar (und als man mich engagiert hat auch keine Überraschung: in meinen bisherigen Premieren habe ich mich IMMER dafür eingesetzt, die vollständigen Fassungen zu präsentieren; ob es nun der französische Don Carlos war, Manon oder Faust...). Alle Sänger wurden vor über einem Jahr darüber schriftlich verständigt. Von niemandem kam der geringste Einwand.

Am 18. Juni 2013 fand eine Produktionsbesprechung mit Vertretern der Wiener Staatsoper, dem Regisseur und mir statt. Nochmals wurde – auch vom Regisseur! - ausdrücklich bestätigt, dass die Aufführung strichlos sein soll. Es war also keine Überraschung, sondern es war vereinbart.

Nachdem ich all dies erklärt habe, betone ich aber nun nochmals, dass trotz allem dies nicht der Grund meiner Absage ist und der Direktor müsste das sehr gut wissen, denn es steht auch nochmals in der Begründung meiner Absage vom 24. März abends. Eine Produktion von Lohengrin an der Wiener Staatsoper gibt man nicht leichtfertig zurück. Ich habe für diese Produktion mehr Vorstellungen abgesagt, als hier in Wien geplant waren und das waren durchaus künstlerisch alles sehr interessante Projekte – aber Lohengrin an der Wiener Staatsoper bleibt etwas Besonderes.

Der wirkliche Grund der Absage liegt aber letztlich daran, dass ich mich mit der Tatsache konfrontiert sah, dass es innerhalb der Produktion kein miteinander mehr gab, die Art der Kommunikation - für mein Verständnis - im Grunde inakzeptabel war und ich von der Leitung des Hauses in dieser Sache keine wirkliche Unterstützung erhalten habe. Wenn man Vereinbarungen so einfach über Bord werfen kann, und diese nicht einmal halbwegs anständig kommuniziert werden, stellt sich dann die Frage, wo es mit dem Arbeitsethos in einer ersten Kulturinstitution hingekommen ist.

Es mag durchaus sein, dass ich hoffnungslos altmodisch bin und letztlich kann ja keiner aus seiner Haut heraus, aber mich stört schon seit geraumer Zeit generell und unabhängig vom vorliegenden Fall, dass es zwischen Musik und Szene kein wirkliches Miteinander gibt. Die Zeiten, wo noch die Mitarbeit des Dirigenten bei der Konzepterstellung gefordert war, haben sich ins Gegenteil verkehrt; vorzeitige Fragen nach dem Konzept oder den künstlerischen Absichten werden heute als ungehörig empfunden und kaum jemand hat auch nur das geringste Interesse, den Dirigenten vor Probenbeginn einzubinden. Um nicht missverstanden zu werden: ich spreche hier nicht von der konkreten Produktion, die ich künstlerisch nicht beurteilen will und kann und nur das Allerbeste wünsche, sondern ich spreche ganz im Allgemeinen und ich möchte auch keinen Applaus von der falschen Seite, denn ich habe mich nie gegen zeitgemäßes Theater gewehrt – im Gegenteil! Aber es muss von einem gewissen Ethos gegenüber dem Werk getragen sein und natürlich auch von einer professionellen Arbeitseinstellung und gegenseitigem Respekt; Aspekte, die heutzutage leider nur mehr sehr selten anzutreffen sind. Inakzeptabel ist aber die Tatsache, dass jemand, entgegen den Vereinbarungen im Vorfeld, seine Meinung ändert und leider mit voller Unterstützung der Direktion - den anderen, in diesem Falle mich, überfahren will und man es nicht einmal für nötig findet diese „Entscheidung“ angemessen und persönlich zu kommunizieren.

Ebenso wehre ich mich dagegen, dass Fassungen, noch dazu für Neuproduktionen, durch Sängerwillkür festgelegt werden. Hätte mir der Sänger der Titelrolle zu einem frühen Zeitpunkt gesagt, dass er nicht im Stande ist, diese Stelle zu singen, hätte ich mich dagegen kaum verwehren können, denn in meiner ganzen bisherigen Karriere habe ich nur danach getrachtet, das Beste von jedem Sänger zu zeigen und nicht seine Schwächen.

Nur leider auch in diesem Falle: wenn von Anfang an keine Kommunikation stattfindet, ja diese geradezu verweigert wird, wie soll man sich als Dirigent weiter verhalten???

Der Grund meines Rückzuges aus dieser Produktion ist also nicht der Strich im dritten Akt an sich, sondern die Art und Weise wie man glaubt, mit gemeinsam getroffenen Entscheidungen umgehen zu können, die Kommunikation beziehungsweise Nicht-Kommunikation innerhalb der Produktion und die Erkenntnis, dass es für diese Neuproduktion an einem gewissen Punkt keine wirklichen Gemeinsamkeiten unter den Hauptbeteiligten gab.

Letzten Endes hatte ich gar keine andere Wahl mehr, wenn ich das noch ernst nehmen will, was für mich die Grundlagen einer künstlerischen Arbeit darstellt.

Dass ich durchaus Kompromisse eingehen kann und auf die momentanen Befindlichkeiten auch zu reagieren im Stande bin, habe ich in den vergangenen nun bald 20 Jahren an diesem Haus in zahllosen Repertoirevorstellungen, denke ich, ausreichend unter Beweis gestellt.

Zwischen einer Neuproduktion und einer Repertoirevorstellung muss aber ein Unterschied bleiben, sonst können wir uns Zeit und Aufwand sparen. Wenn der Kompromiss als die Gemeinsamkeit in einer Produktion verstanden wird, dann ist es Zeit zu gehen. Dies war - zumindest aus meiner Sicht und zu meinem tiefen Schmerz - in diesem Fall gegeben.

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