Berlinale-Sieger İlker Çatak: „Warnschuss für das, was kommen kann“
Exzellentes Schauspiel: Derya (Özgü Namal ) und Aziz (Tansu Biçer) im Visier einer autoritären Regierung – „Gelbe Briefe“.
İlker Çatak weiß bereits, wovon sein nächster Film handeln wird: Es soll um Klasse und Klassenzugehörigkeit gehen, und von Figuren erzählen, „die versuchen, aus ihrer Klasse herauszukommen“. Als Kind türkischer Einwanderer, geboren 1984 in Berlin, weiß İlker Çatak, wovon er redet. Seine eigenen Großeltern waren Fabriksarbeiter, die erst recht spät Lesen und Schreiben lernten. Seine Mutter machte die Ausbildung zur Bankkauffrau, doch er war der erste Studierte in der Familie: „Und das war nicht mal ein ,anständiges’ Studium, sondern ,nur’ ein Filmstudium“, sagt İlker Çatak im KURIER-Gespräch und grinst.
Sollten seine Eltern je an der Sinnhaftigkeit seiner Berufswahl als Regisseur gezweifelt haben, so wurden sie längst eines Besseren belehrt: Sein exzellentes Schuldrama „Das Lehrerzimmer“ erhielt eine Oscarnominierung als bester internationaler Film, sein packender Politthriller „Gelbe Briefe“ (derzeit im Kino) gewann den Goldenen Bären der Berlinale: „Man kann einen Goldenen Bären gewinnen und als Künstler einen gewissen Status erlangen, aber das heißt noch lange nicht, dass man sich plötzlich in einer anderen Klasse bewegt“, grübelt Çatak, der sich gut daran erinnern kann, wie er sich als Kind dafür schämte, dass seine Familie „bei ,Aldi, dem Supermarkt der Armen“ einkaufen ging: „Über diese Scham denke ich viel nach. Gerade als Migrantenkind hatte ich auch in meiner eigenen Branche lange das Gefühl, eigentlich gar nicht dazuzugehören. Aber man kann aus dem, woher man kommt, auch eine Stärke machen. Und statt sich abzugrenzen, muss man Dinge finden, über die man sich wirklich definieren kann. Ich bin sehr glücklich, dass ich das Filmemachen entdeckt habe.“
Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale:
Die Filme der 1990er-Jahre – von „The Matrix“ bis hin zu „Magnolia“ – brachten ihn zum Kino, Regisseure wie Fatih Akin oder der türkische Autorenfilmemacher Nuri Bilge Ceylan waren seine Vorbilder. Weiters prägten Leos Carax und Gus Van Sants Arbeiten wie „Gerry“ oder „Last Days“ seinen Filmgeschmack: „Das sind langsame, fast schon meditative Filme, wo man lange hingucken muss, um die Geschichte zu erkennen.“
Auch für die Entfaltung seines superb gespielten Ehedramas „Gelbe Briefe“ nimmt sich İlker Çatak Zeit: „Der Film ist nicht auf schnelle Wirkung ausgerichtet, sondern darauf, Figuren und Konflikte genau und mit Präzision erfahrbar zu machen.“
Willkürliche Entlassungen
Die Idee zu „Gelbe Briefe“ reicht ins Jahr 2019 zurück, als ein türkischer Theaterschauspieler İlker Çatak von gelben Briefen erzählte. Diese wurden an Menschen versendet, die unter fadenscheinigen Argumenten wie „Sie haben Backstage geraucht“ von ihrer Entlassung informiert wurden. Weiters wurde das Filmprojekt von dem Wunsch beflügelt, mit türkischen Co-Produzenten zusammenzuarbeiten und mit seiner Frau Ayda, einer Künstlerin, das Drehbuch zu schreiben.
Dementsprechend handelt „Gelbe Briefe“ auch von einem Ehepaar: Er, Aziz, ist ein erfolgreicher Regisseur, sie, Derya, umjubelte Schauspielerin. Als oppositionelles Künstler-Duo in Ankara bekommen sie Ärger mit einem namenlosen Regime, hinter dem man unschwer die Regierung Erdoğan erkennen kann; aber genauso unschwer lässt sich auch erkennen, dass nicht in türkischen Städten, sondern in Berlin und Hamburg gedreht wurde.
Natürlich hätte er auch in der Türkei drehen können, meint Çatak, „aber ich wollte nicht aus Europa in die Türkei fahren und einen Film über die dortigen Zustände machen. Es gibt eine große türkische Diaspora in Deutschland. Viele Menschen leben im deutschen Exil. Warum nicht auch den Film ins Exil schicken?“
Türkei in Deutschland
So kam es, dass das Filmteam „mit geschärftem Blick die in Deutschland stattfindende Türkei“ suchte – wie zum Beispiel in der Moschee, an der man täglich vorbeigeht, ohne jemals hineinzuschauen: „Das war insgesamt ein toller Prozess, der uns eine neue Welt eröffnet hat – vielen Deutschen, die bei dem Film mitgemacht haben, aber auch mir.“
Berlin wurde zum Drehort für Ankara, und Hamburg zum Schauplatz für Istanbul: „Und dann wurde die Geschichte plötzlich nicht nur eine Geschichte über die Türkei, sondern auch eine über Deutschland. Und ja, vielleicht ist es auch ein Warnschuss für das, was kommen kann.“
Beide Eheleute verlieren ihre Jobs und übersiedeln mit ihrer 14-jährigen Tochter von „Ankara“ nach „Istanbul“ zu Aziz’ Mutter. Die politische Repression wird größer und übt sowohl auf das Ehe-, als auch das Familienleben Stress aus: „Ich finde es immer spannend, Figuren unter Druck zu setzen und dann zu schauen: Was ist hinter den Fassaden? Welche Wahrheiten kann ich herausholen? In dem Moment, wo es ums Eingemachte geht, zeigt sich der wirkliche Charakter.“
Ehe unter Druck: Derya (Özgü Namal ) und Aziz (Tansu Biçer) in "Gelbe Briefe".
Zwischen den beiden Eheleuten kommt es zu Konflikten, bei denen auch der liberale Aziz plötzlich in patriarchale Muster verfällt: „In jeder Ehe gibt es die stillen Vorwürfe und Abgründe, die man mit sich herumträgt und die an einem bestimmten Punkt hervorbrechen.“
Während Aziz auf seine besondere Stellung als kompromissloser Künstler pocht, macht Derya politische Kompromisse für ein neues Jobangebot. Warum sie als Erste einknickt?
„Ich glaube, der Mann und die Frau erfahren die Ungerechtigkeit nicht in gleichem Ausmaß“, sagt İlker Çatak: „Sie muss sich nicht nur gegen den Staat, sondern auch gegen das Patriarchat auflehnen. Ihre Figur ist toll, weil sie dem Mann an den Kopf wirft, dass es nicht ausreicht, pseudofeministische Stücke zu schreiben. Man muss auch danach leben. Und wenn seine Frau die Entscheidung trifft, arbeiten zu gehen, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu fragen, muss er diese Pille schlucken. Deswegen ist ihr Handeln für mich auch kein Einknicken, sondern ein Aufbegehren.“
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