Einst ein Riesenskandal: Was blieb von der „Körperwelten“-Debatte?
Und, was haben Sie so vor nach dem Tod?
Historisch gesehen ist das Spektrum dessen, was man mit der vielen Zeit danach anfangen kann, eher beschränkt: Ewiges Leben, im Grab herumliegen, die blöden Mitglieder der Familie als Geist heimsuchen, man kennt das aus Religion und Kultur.
Da ist es dann schon eine ordentliche Lebensleistung, diese Nachlebens-Optionen um eine neue zu ergänzen. Und sei sie auch noch so umstritten. Gunther von Hagens hat das geschafft: Er machte mit einer speziellen Konservierungstechnik tote Menschen zu Museumsexponaten. Und erweiterte damit nicht nur die Nachpensionspläne einiger Hundert Menschen, sondern rührte auch an Fragen, die weit über seine lukrative Geschäftsidee – 50 Millionen Besucher hatten seine „Körperwelten“-Ausstellungen verzeichnet – hinausgehen. Diese sind bis heute offen, auch wenn die anfängliche Aufregung über die Schauen – bei der ersten gab es eine Hammerattacke – längst abgeebbt ist.
Naturdoku-Gestus
Man kann das auf zweierlei Arten erzählen. Die „Körperwelten“-Schauen mit ihren gehäuteten, in Alltagsposen festgemachten und, ja, echten Menschenkörpern zeigen zwar nicht das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber immerhin das, was im Innersten des Menschen vom Leben durchflutet ist: Adern und Muskeln, Nerven und Knochen, Hirn, Herz und Harnblase: Die hyperkomplexe Menschmaschine legt hier ihren Motorenraum offen. Das ist, klar, ein „Universum“-geeignetes Wunder mit hohem Schauwert, und die Ausstellungsbesucher dürfen sich der gleichen Faszination hingeben, die schon Leonardo da Vinci bewegte, als er, auf der Suche nach den Ursachen des „süßen Todes“, Leichname zerschnitt.
Es begleitete diesen Naturdoku-Gestus aber auch immer einer der Schaustellerei, des Zirkushaften – und, zumindest für die Wiener, auch des „Narrenturms“, also des Einrexens von sogenannten „Launen der Natur“ im Geiste der Wissenschaft, darunter nicht lebensfähige Embryos, kranke Organe und manche andere beunruhigende Schreckensversion des Daseins.
Und hier sind wir dann bei der anderen Art, wie man diese Geschichte erzählen kann. Es ist eine voller historischer Nebentöne, und voller Grenzüberschreitungen und der Frage danach, wer es sich herausnahmen kann, diese Grenzen zu verletzten.
Denn ausgerechnet ein Deutscher also zieht Menschenkörpern die Haut ab, nur wenige Jahrzehnte nach den horrenden Experimenten an Menschen in der NS-Diktatur. Noch dazu: Die Leichen werden in Deutschland und China präpariert; letzteres Land ist weltweiter Spitzenreiter bei der Todesstrafe, manche der Hingerichteten werden zuvor vor johlendem Publikum in Stadien verurteilt. Es gab daher Vorwürfe, dass Von Hagens Körper von chinesischen Hingerichteten für seine Exponate verwendet hat, bewiesen war das nie.
Aber muss man, kann man trotzdem ein Echo dieser Todesshows orten, wenn Menschenmassen an den Präparaten vorbeigelotst werden? Echos auch aus anderen Epochen, als die Todgeweihten zur Ergötzung des Volkes und der Herrscher in den Arenen ihr Leben ließen? Und: Muss der Mensch wirklich auch nach dem Tod noch kapitalistisch verwertbar bleiben?
Niemandsland
Diese Fragen mögen heute eine Nummer zu groß für die „Körperwelten“ scheinen: Die Ausstellungen sind längst, wenn schon nicht in der öffentlichen Komfortzone, so doch in einer Art argumentativem Niemandsland angelangt. Die Debatte ist erledigt.
Anfangs aber war das nicht so: Religionsgemeinschaften, Politiker und Medien kritisierten vehement jene Grenzverschiebungen, die Von Hagens rund um den Umgang mit toten Körpern unternahm. Er selbst sah sich in der Tradition großer Mediziner – sein Hut, ein Markenzeichen, verweise auf einen Arzt namens Nicolaes Tulp, den Rembrandt 1632 gemalt hat. Und er sprach von einer Demokratisierung der Anatomie, auch 2002, als er vor Publikum die erste öffentliche Sezierung in Großbritannien seit zwei Jahrhunderten vornahm. Ja, das „Menschen Museum“, das Von Hagens errichtet hat, ist wohl ein Ort der Enttabuisierung des Todes geworden.
Diese Enttabuisierung segelte zugleich aber auch hart an der Trivialisierung entlang: Dass die Toten bei Von Hagens tanzten, Basketball oder Schach spielten und, eines seiner bekanntesten Objekte, auf einem ebenfalls gehäuteten Pferd ritten, wäre zwar vielleicht der Stimmung am „Zentralfriedhof“ zuträglich. Zugleich bleiben aber die Fragen, die den Tod in Wirklichkeit begleiten, seltsam unberührt: Hat man nach all dem Leid und dem Schmerz und der Trauer, die das Sterben begleitet, nichts Besseres zu tun als Ballsportarten?
Manchmal kommt einem die Geschichte zu Hilfe – für Von Hagens aus unerwarteter Ecke. Zuletzt nämlich nahm die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Tod eine Volte, die ihm einen späten Pluspunkt verschaffte: Dass die Tech-Milliardäre im Silicon Valley ihre Todesangst so öffentlich vor sich hertragen und viele Milliarden in die eigene Unsterblichkeit investieren, macht den Todesfatalismus der „Körperwelten“ ein Stück menschlicher.
Von Hagens (der eigentlich Liebchen hieß, 1969 aus der DDR nach Österreich fliehen wollte und dafür im Gefängnis landete) hat die Frage, was er nach seinem Tod so machen will, beantwortet: Er lässt seinen Leichnam ebenfalls präparieren. Denn, wie schon Bob Dylan sang: Der Tod ist nicht das Ende.
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