Bilder vom Essen der Zukunft: Die Welt ist schön und schmackhaft

Gregor Sailer zeigt im NHM eine spektakuläre Werkserie: „Cockaigne – Schlaraffenland der Zukunft?“ blickt auf neue Formen der Nahrungsproduktion.
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„Willkommen in der Wüste des Realen“: Im Film „The Matrix“ (1999) fällt dieser Satz, als der Hauptcharakter Neo erfährt, dass seine Lebenswelt lediglich eine Simulation ist – Menschen hätten nämlich den Kampf gegen die KI verloren und müssten seitdem den Maschinen als Energiequelle dienen.

Ganz so weit ist es bekanntlich noch nicht gekommen – Maschinen ernten heute zwar ziemlich alle Daten von uns und bauen daraus imaginäre Welten, aber essen muss der Mensch noch immer selbst, auch wenn sich die Tech-Gemeinde von der bereits 1973 im Sci-Fi-Film „Soylent Green“ ausgeführten Vision, aus Humankadavern Nahrung herzustellen, zumindest inspirieren lässt: Das Silicon-Valley-Start-up „Soylent“ ist seit über zehn Jahren mit der Idee, Mahlzeiten durch Nährstoff-Shakes zu ersetzen, durchaus erfolgreich.

All diese Phänomene verbindet die Loslösung von jenen Vorstellungen, die man gemeinhin mit der Nahrungsmittelproduktion assoziiert: Äcker, Wiesen, Bauernhöfe, ja selbst die so oft kritisierten Massenställe für Hühner oder Schweine machen Platz für Hallen voller Tanks und Rohre und für Reihen endloser Regale, in denen irgendetwas gedeiht. 

Farm-Idyll

Für den Laien ist dabei nicht unbedingt klar, ob er es beispielsweise mit einer Pilzzucht oder mit einem Rechenzentrum (das ja gern mit dem der Agrarsprache entlehnten Begriff „Serverfarm“ bezeichnet wird) zu tun hat.

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Der aus Tirol stammende Fotograf Gregor Sailer hat sich mit seinem Projekt „Cockaigne“, das nun in einer Ausstellung im Wiener NHM ausgebreitet ist, in die Ästhetik der neuartigen Nahrungsproduktion vorgewagt. Der Titel ist ein alter Begriff für „Schlaraffenland“.

Man könnte Sailer als Landschaftsfotografen bezeichnen, wobei er bei seinen Langzeitprojekten stets exakt definiert, worauf er die Linse seiner Großbildkamera richtet: Für „The Polar Silk Road“ (2017–’22) reiste er etwa nach Grönland und Norwegen, um militärische Strukturen abzulichten, die in dem Kampf um neue Einflusssphären, der erst kürzlich ins breitere Bewusstsein rückte, eine zentrale Rolle spielen.

Die NHM-Schau beginnt ebenfalls in der Eiswüste – das erste Bild zeigt einen Container, in dem Arktisbewohner Gemüse anpflanzen.

Von hier geht es weiter zu Europas größter Mehlwurmzucht im französischen Amiens und zu einem 165 Hektar umfassenden Glashaus-Komplex im US-Bundesstaat Kentucky, wo Tomaten und Gurken in einer Nährstofflösung ohne Erde aufgezogen werden. Wie die Insektenfarm ist die Gemüsefabrik automatisiert, ihre Erzeugnisse erreichen den Konsumenten rasch und können als „regional“ gelten, erfährt man.

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Sailers Blick auf diese Einrichtungen ist hochgradig exakt, die Bilder bestechen mit ihrer technischen Perfektion – die endlosen Raumfluchten der Industriehallen kommen der Leidenschaft des Fotografen für Symmetrie und Ordnung vielleicht sogar ein bisschen zu sehr entgegen.

Maximal reduziert

Reduktion ist freilich ein erklärtes Stilmittel Sailers – fotohistorisch Vorgebildete werden Verbindungen zur Düsseldorfer Foto-Schule, insbesondere zu Andreas Gursky, zu Bernd und Hilla Becher und zu Albert Renger-Patzsch und seinem legendären Werk „Die Welt ist schön“ (1928), ziehen können.

Die Frage, ob die Fotografie ihre Motive (damals noch: Hochöfen, Kohlebergwerke, Maschinenhallen) lediglich ästhetisiert und die sozialen Auswirkungen der Einrichtungen damit der Kritik entzieht, stellte sich bereits vor knapp 100 Jahren.

Sailers Fotografie bleibt dahingehend ambivalent: Er möchte nicht urteilen, sondern lediglich „Türen aufmachen und sensibilisieren“, sagt der Künstler selbst. Wenngleich einige Szenarien dystopisch wirken, so seien viele Projekte auch vom Anliegen getrieben, nachhaltig und ressourcensparend zu produzieren: „Es muss in Zukunft eine Kombination von beidem geben“, sagt Sailer.

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Neben Hightech-Produktionsstätten setzte er aber einen nachhaltigen „Lebensmittelwald“ in Marokko ans Ende der Schau: Man deutet ihn als Zeichen, dass sich die Natur auch in Zukunft nicht wegoptimieren lässt.

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