Der Dickdarm, eine Sprechblase: Belvedere 21 zeigt Sue Williams

Die US-Künstlerin entsprang der Subkultur der 1990er und unterrichtete auch in Wien. Nun feiert sie hierzulande ein Comeback.
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Na bumm: Diese Malerei hat wirklich Wut im Bauch.

Allerdings ließe sich glatt darüber hinwegsehen, wenn der Blick bei den zierlichen Linien haltmacht, die viele Bilder der US-Malerin Sue Williams (*1954) dominieren: Eigentlich ist das ja alles bunt und schön, dekorativ gar. Dass die Formen teils gequetschte Zehen oder Brüste, Afteröffnungen und Gedärme darstellen, lässt sich irgendwann aber nicht mehr ignorieren, wenn man begriffen hat, wo sich das Bildvokabular herleitet.

Die aus Chicago stammende Malerin ist in Wien derzeit zweimal präsent (siehe rechts). Während die Albertina Modern ihr Werk als Ausläufer der Comic-Kultur positioniert, macht das Belvedere 21 klar, wie Williams auch mit der abstrakten Kunst interagierte: Erst die Zusammenführung der beiden Stränge verdeutlicht die Radikalität der Künstlerin.

Übergriffigkeit

In die Magengrube boxen im Belvedere 21 aber schon die Bilder, die in Punk-Ästhetik drastische Anklagen gegen sexuelle Übergriffigkeit formulieren: „A Funny Thing Happened“ (der Titel zitiert ein populäres Musical) listete 1992 etwa Orte auf, an denen Vergewaltigungen passieren. Bei der Whitney-Biennale 1994 legte Williams dazu Kotz-Pfützen aus Latex aus, auch sie sind Teil der Retrospektive.

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Statt den Mittelfinger ausgestreckt zu halten, entwickelte die Malerin aber ein exaktes Vokabular, das sich am Abstrakten Expressionismus, der dominanten, von Männern dominierten US-Kunstströmung der Nachkriegszeit, abarbeitet.

Besonders Willem de Kooning – jener Maler, der in seiner bekanntesten Serie Frauenbilder mit wilden Pinselstrichen atomisierte – hallt in Williams’ Werken wider. Außerdem Jackson Pollock, der eine Malerei ohne Zentrum und Grenze vorantrieb und Farbe überallhin („All-over“) tropfen ließ.

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Keine "reine Malerei"

In diese vordergründig vergeistigte, puristische Malerei führte Williams politisch-feministische Schlagkraft durch die Hintertür ein: Eben durch ihr „All-over“ aus Körperteilen und Körperöffnungen, aber auch durch suggestive Bildtitel. In „Baghdad“ (2007), einer Ansammlung rot-beiger Comicwolken, wird etwa das Bildsujet buchstäblich in die Abstraktion gebombt.

Es wird schwierig sein, diese Kunst als dekorativ zu bezeichnen – und ebenso schwierig, die Politik aus der abstrakten Malerei herauszuhalten. Um die Bandbreite der Formen zu begreifen, die die Kunst hier bereithält, ist Williams’ Werkschau jedenfalls ein guter Ort.

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