"Aschenbrödels Traum" in der Volksoper: Die Musik klingt gut, die Geschichte verzettelt sich
"Aschenbrödels Traum" in der Volksoper.
Das Strauss-Jahr galoppiert ins Finale. Die letzte Premiere, „Aschenbrödels Traum“, lieferte die Volksoper, mit dem Auftragswerk an die deutsche Komponistin Martina Eisenreich zu Johann Strauss‘ Fragment gebliebener Vertonung des Grimm’schen Märchens.
Im Interview mit dem KURIER sagt sie, wir, ihr Librettist und Regisseur Axel Ranisch und sie, lieben Johann Strauss. Daran lässt sie in ihrer Märchenoperette keinen Takt lang auch nur den geringsten Zweifel aufkommen. Dirigent Leslie Suganandarajah bringt mit dem Volksopernorchester ihre dicht mit der Musik von Johann Strauss verwobene Komposition zum Schweben.
Zwölfton-Passagen schmiegen sich an geschmeidige Walzer. Kurze atonale Einsprengsel tun nicht weh. Doch jene von der „Fledermaus“, des „Donauwalzers“ oder „Perpetuum mobile“ inspirierten Passagen demonstrieren die Unübertrefflichkeit des Originals. Dass manche Gesangspartien wie in einem Musical intoniert und gerappt werden, passt zur Handlung. Denn die holt den Jubilar in die Gegenwart. Das aber geschieht sehr umständlich.
Ranisch, der auch inszeniert, zeigt die Entstehungsgeschichte des Strauss‘schen Balletts wie ein Dokudrama. Zentrale Gestalt ist Ida Grünwald. Diese Frau gab es tatsächlich. Sie war Inhaberin eines Schreibbüros in Wien und für Arthur Schnitzler sowie einige seiner Kollegen tätig. Ranisch gibt sie als Librettistin von Strauss' Ballett aus. Den Jubilar lässt er als sein eigenes goldenes Denkmal auftreten und sich selbst in Frage stellen.
Parallel dazu erzählt er von der Millionärin Miss Alice. Ihre Töchter quält sie mit Schönheits-OPs, ihren Stiefsohn Aschenbrödel missbraucht sie als Diener und sperrt ihn sogar in einem Käfig weg, was an Verbrechen aus der bitteren Realität erinnert. Wie vieles wird auch ein so schreckliches Thema nur angerissen. Die beiden Geschichten werden ineinander verschränkt, dazwischen zeigt Alex Frei (Choreographie) Idas und Strauss' Werk als Ballettmärchen im Märchen mit dezenter Noblesse. Das alles bleibt aber Stückwerk in Falko Heralds (Bühne) verfallenem Salon.
Idas über der Bühne schwebende Schreibkammer kann je nach Bedarf ins Zentrum gerückt werden. Oliver Liebl zeigt Aschenbrödel mit sympathischer Zurückhaltung, der sich das alles erträumt. Glaubhaft drückt er seine Verstörung aus, als er erkennt, dass er einen Mann liebt und für ihn sogar ein Designer-Kleid anzieht, um mit ihm am Opernball zu tanzen. Lionel von Lawrence als Fußballstar Danny ist sein sympathischer Partner. Ruth Brauer-Kvam schmeißt sich mit Verve in die Rolle der bösen, meist krächzenden Mutter. Johanna Arrouas und Julia Koci ergänzen als ihre Töchter, Jakob Semotan ist ein gewiefter Fußballmanager und abgewiesener Liebhaber im Märchen im Märchen.
In Daniel Ohlenschläger (Hofoperndirektor) und Stefan Wancura (Kritiker) sind Gustav Mahler und Eduard Hanslick zu erkennen, die über die Qualitäten des Jubilars diskutieren. Ihre Exkurse über den „Fluch einer neunten Symphonie“, die einem Komponisten den Tod bringt, sind nur ein Beispiel für Ranischs Verzettelungen. Juliette Khalil ist eine betörende Ida. Sie und Daniel Schmutzhard als wandelndes goldenes Denkmal lassen aufhorchen. Wenn sie in ihrer Version von Barinkays Couplet „Als flotter Geist“ aus dem „Zigeunerbaron“ singen „schön war eine Qual, jetzt sind wir atonal“, klingt das wie eine Ironie auf den Umgang mit dem Jubilar in seinem Jahr. Viel Applaus für alle Beteiligten.
Kommentare