"Lustige Witwe" in Baden: Mit Schmäh, Charme und Schmelz des (Noch-)Orchesters

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Stadttheater Baden. Henry Mason holt die „Die lustige Witwe“ in die 1940er Jahre.

Dass auf der Bühne der Schmäh rennt, geschieht heute bei Operetten-Aufführungen selten. Anders in Baden, wo Henry Mason „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár inszeniert hat. Da trifft gediegener britischer Humor auf wienerischen Charme, garniert mit einer Prise Tiefgang, glaciert mit musikalischem Schmelz. Diskussionen darüber, wie verstaubt, wie veraltet und wie sexistisch die Operette ist, widerlegt dieser Regisseur mit Drive, Eleganz und sogar leichtem Hang zur Tiefsinnigkeit.

Er verlegt die Geschichte der reichen Witwe Hanna Glawari ins Paris der 1940er Jahre. Hans Kudlich erinnert dezent mit ein paar eingestürzten Mauerteilen daran, dass der Krieg noch nicht lang zurückliegt. Noch funktioniert nicht alles, man hat gelernt, mit Blackouts umzugehen, mit der maroden Wirtschaft aber nicht. Nur die Millionen der Glawari können die Pontevedriner vor dem Staatsbankrott retten. Bei einem Fest in der Botschaft soll sie mit Graf Danilo verkuppelt werden.

Gleichstellung

Mit dezenten Retuschen am Libretto von Victor León und Leo Stein lässt Mason sogar so etwas wie Gleichstellung aufkommen. Nicht nur die Männer singen ein Lied darüber, wie schwer das andere Geschlecht zu verstehen ist, sondern auch die Damen bekommen ihre Strophen beim Gassenhauer „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ (hier Männer, Frauen). Übergriffig agiert bei Mason nur die Titelfigur. Nina Bezu zeigt die Glawari als resolute, reifere Frau, die dem einen oder anderen Mann herablassend einen Klaps verabreicht. Das „Vilja“ singt sie in Robin-Hood-Verkleidung. Dabei wird sie von einer exotischen Tänzerin umschwärmt. Das hat Witz und steht im Kontrast zum vokalen Ausdruck der Sängerin. Mit ihrem dramatischen, dunkel gefärbten Sopran kann man sie sich eher in einer Oper von Richard Strauss – die Salome hat sie bereits gesungen – vorstellen als in einer Operette. Wenn sie mit Danilo über die Bühne tanzt, wirkt das so, als wäre sie die strenge „Dancing Stars“-Trainerin eines zurückhaltenden jungen Kandidaten. Maximilian Mayer vermittelt zunächst den Eindruck als wäre es ihm peinlich, „Da geh ich zu Maxim“ zu singen. Das vokal herausragendste Paar heißt Valenciennes und Camille. Jasmina Sakr fällt mit ihrem in allen Lagen klaren, schlanken, silberhell glänzenden Sopran auf. Tenor Robert Bartneck ist ihr als Liebhaber Camille ein ausgezeichneter Partner.

Alexander Jagsch spielt als Kanzlist Njegus sein komödiantisches Talent aus und zeigt diese Figur mit sympathischer Natürlichkeit. Seine Dialoge mit Baron Zeta (Andreas Lichtenberger) lassen an die Doppelconférencen von Farkas und Waldbrunn denken. Die bereits erwähnte Schmelz-Glasur generiert Michael Zehetner am Pult des Orchesters der Bühne Baden. Diese Formation weiß, wie man diese Musik spielt, wie man auf ein Ensemble auf der Bühne hört. Unverständlich, dass diese Könner durch die Tonkünstler ersetzt werden sollen, die das Genre selten spielen. Wer Operette schätzt, war bisher in Baden an ausgezeichneter Adresse. Oft wird man das nicht mehr sein können. Denn von sieben Neuproduktionen sind nur zwei Operetten.

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