"Es ist so schwer, diese Dunkelheit zu erleuchten"

Keyboarder Darius Keeler analysiert das neue Album „Glass Minds“ der britischen Band, die am 7. April in Wien spielt.
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„All diese fragilen Egos, die die Welt regieren. Dazu die Oberflächlichkeit, in die wir geraten sind, weil wir dauernd auf unsere Handys starren: Das ist das, was mit ,Glass Minds‘ gemeint ist.“

Darius Keeler, Keyboarder und Oberhaupt der britischen Band Archive, ist sich absolut sicher, was der Titelsong des neuen Albums seines Musikerkollektivs aussagt – obwohl er den Text nicht selbst geschrieben hat. Es war Sängerin Lisa Mottram. „Ich liebe es, Songs mit ihr zu schreiben, denn sie sagt, was sie im Moment fühlt, und will es nachher nicht erklären“, sagt der 54-Jährige. „Aber für mich war sofort klar, worum es in ,Glass Minds‘ geht.“

Unterlegt ist der Text mit stampfenden, bedrohlichen Drums und einem minimalistischen Piano-Riff. Akzentuiert wird er mit schwebenden Keyboards und Bläsern, die den Song zu dramatischen Höhepunkten treiben. Dieser Sound ist typisch für das Album, das zu einem der besten in der 32-jährigen Geschichte von Archive zählt.

Die Formation hat sich mit ihrer Fusion aus Trip-Hop, Progressive-Rock und elektronischer Musik einen Kultstatus mit großer Feinschmecker-Fanschar erarbeitet und weicht auch bei „Glass Minds“ nicht von der typischen „Archive-Melancholie“ ab. Obwohl: „Dieses Mal ist sie etwas leichter“, sagt Keeler. „Davor haben wir mit ,Call To Arms & Angels‘ ein konzeptuelles Doppelalbum gemacht. Diesmal aber ging es nur um individuelle Songs, wodurch wir uns mehr auf die einzelnen Melodien und Arrangements konzentrieren konnten.“

Liebe und Angstzustände

Die Musik von „Glass Minds“ mutet tatsächlich etwas spielerischer an, die Texte dagegen haben es in sich. „When Your This Down“ entstand mit Sänger Pollard Berrier, dessen Mutter in Amerika verstarb, als er mit der Band in Cornwall am Album arbeitete. Auch die anderen Bandmitglieder hatten in dieser Zeit persönliche Probleme, die in die Lyrics eingeflossen sind. Es geht um Liebe, Angstzustände und die Angst machende Weltlage.

Letzteres handelt Rapper Jimmy Collins mit einer bitterbösen, siebenminütigen Wortflut in „Heads Are Gonna Roll“ ab. Aber Keeler geht in „Shine Out Power“ auch selbst darauf ein: „Ich bin aufgewacht und dachte, alles ist verkehrt, die Welt spielt verrückt und man kann sich der Macht, die das über uns hat, nicht entziehen, es ist so schwer, diese Dunkelheit zu erleuchten.“ Um dem entgegenzuwirken, sucht sich Keeler alternative Informationsquellen zu den oft mit Panikmache spielenden oder von der Politik beeinflussten Medien – zum Beispiel das linksliberale US-Netzwerk Young Turks. Denn das, was zurzeit in den USA abgeht, beunruhigt ihn sehr.

Ist er aber tatsächlich davon überzeugt, dass die – wie er sie nennt – „abscheulichen, seelenlosen“ Machenschaften von Machthabern wie Trump und Putin einem unsicheren Ego entspringen? „Sicher. Das sieht man daran, dass sie jegliche Opposition aussperren, alles und jeden loswerden, der sie herausfordert. Eine Existenz, die vernichtet, was ihr gefährlich werden könnte, ist nicht stark, die ist total lädiert.“

Bei der Frage, ob er Hoffnung auf eine positivere Entwicklung in der Zukunft hat, wird Keeler unsicher: „Man sollte immer Hoffnung haben, aber ich weiß es nicht. Das Problem ist, dass jetzt die Linken und die Rechten zu streiten beginnen. Das passt Trump gut, weil wenn seine Fans damit beschäftigt sind, kann er unbehelligt seine Agenden weiter verfolgen und mit allem durchkommen. Aber so wird das nichts mit einer positiveren Zukunft. Es gibt viele Dinge, wo die Rechten und die Linken unterschiedlicher Meinung sind, aber es gibt auch einiges, was beide Seiten gemeinsam bemängeln. Die Menschen müssten aufhören, sich gegenseitig zu bekämpfen, sollten nicht einander, sondern diesen Regierungen die Schuld geben. Die Leute sollten sich vereinen und gemeinsam gegen diese Politiker stellen.“

Konzert am 7. 4. in der Arena.

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