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Kultur
08/06/2019

Anna Netrebkos Erschöpfung: Absagen, die die Opernfans aufregen

Wenn die ka Netrebko hab’n, geh i wieder ham: Die Analyse zu den Absagen im Opern-Business. Mit Gastkommentar von Ioan Holender.

von Gert Korentschnig

Die Bekanntgabe erfolgte auf ihrem Facebook-Account: Anna Netrebko muss ihre zwei geplanten Auftritte bei den Bayreuther Festspielen als Elsa im „Lohengrin“ (14. und 18. August) absagen. Der Grund dafür: Erschöpfung. Die Stimme sei zwar nicht betroffen, sie folge aber dem Rat eines Arztes und mache drei Wochen Pause.

Wenige Stunden später verkündete Yusif Eyvazov, ihr Ehemann, auf seiner Facebook-Seite, dass er Auftritte in der Arena von Verona als Cavaradossi in „Tosca“ absagen müsse. Der Grund dafür: ebenfalls Erschöpfung.

Sofort wurde in Internet-Foren diskutiert, wie es denn zu dieser Parallelität komme. Irgendjemand behauptete sogar, die beiden wären auf dem Weg nach Baku zur Hochzeit eines Freundes. Sicher eine Unterstellung. Das Thema Absage war jedenfalls unter Opernliebhaber wieder präsent wie schon lange nicht.

Kurz ein Blick zurück – auch im Bereich Oper kann man nämlich aus der Geschichte lernen. Schon im vergangenen Jahr war Netrebko in Bayreuth angekündigt. Ebenso als Elsa, damals an der Seite von Roberto Alagna. Ein paar Wochen vor der Premiere sagte der französische Tenor ab, weil er die Rolle in so kurzer Zeit nicht einstudieren könne. Die Kritik daran war gewaltig. Netrebko folgte als Absagende, weshalb Piotr Beczala und Anja Harteros die Bayreuther „Lohengrin“-Premiere bestritten. Damals hatte es noch geheißen: Im kommenden Jahr werde Alagna dann singen.

Empörung in Salzburg

Davon war im neuen Bayreuth-Programm keine Rede mehr. Dafür konnten Wagnerianer davon ausgehen, dass Netrebko nun sämtliche „Lohengrin“-Vorstellungen absolvieren werde. Ein Irrtum, weil für sie in Salzburg Cileas „Adriana Lecouvreur“, konzertant und an der Seite ihres Mannes, dazukam. Da sagte sie übrigens ebenso eine Vorstellung, mit Kartenpreisen bis zu 330 Euro, krankheitshalber ab, was viele Besucher maßlos empörte.

Das Bayreuth-Chaos ging unterdessen weiter. Krassimira Stoyanova sollte als Elsa einspringen, Netrebko allerdings die beiden Vorstellungen im August überlassen. Aber auch sie zog sich zurück. Camilla Nylund jedoch war bereit, zusätzlich zu ihren Engagements als Eva in den „Meistersingern“ vier freie „Lohengrin“-Aufführungen zu übernehmen. An den Netrebko-Terminen singt nun Annette Dasch mit Beczala. Sie war in dieser Partie schon erfolgreich in Bayreuth, aber auch an der Scala zu hören.

Ob Netrebko, die in diesem Sommer immerhin in Verona debütiert hatte, nach diesen Absagen je in Bayreuth singt (im kommenden Jahr sicher nicht), steht in den Sternen. Ein Debüt ihres Mannes ist dort im Moment nicht geplant. Würde das die Chance erhöhen?

Sie ist bis Ende September nur gemeinsam mit ihm zu hören, dann folgt Lady Macbeth an der MET in New York, danach kommen sechs weitere Konzerte mit Eyvazov, ehe sie am 7. Dezember Puccinis Tosca bei der Saisoneröffnung der Mailänder Scala singt. Der Sänger des Cavaradossi ist noch nicht angekündigt. Ob das etwas bedeutet?

Konzerte in Sydney

Netrebkos Superstar-Kollege Jonas Kaufmann, der wie viele andere leider auch immer wieder mal absagen muss, singt zur Zeit in Sydney konzertant Andrea Chénier, im September Reprisen von Verdis Otello in München und im November ebendort die Premiere von Korngold „Die tote Stadt“ – ansonsten bis in den Februar „nur“ Konzerte mit seinem neuen Programm „Mein Wien“.

Aber warum hört man die begehrtesten Stimmen der Welt immer seltener in szenischen Aufführungen? Hält die Ausdauer der Stimmbänder mit dem Tempo der Globalisierung nicht mehr mit? Hat man nur den Eindruck, dass Stars öfter absagen, weil sich das Business immer stärker auf sie fokussiert? Welche Rolle spielen dabei topbezahlte Galakonzerte, etwa im arabischen Raum, von denen es immer mehr gibt? Und wie sehr sind Intendanten schuld, die lieber einen berühmten Namen einkaufen, statt auf Ensemblepflege zu setzen?

Antworten darauf regelmäßig in diesem Theater. Sowie in einem Gastkommentar des langjährigen Opernchefs und großen Stimmexperten Ioan Holender:

Die Salzburger FestSPIELE veranstalten konzertante Opernabende mit einem Werk, das sie nie programmieren würden, wenn nicht die derzeit bekannteste Opernsopranistin der Welt darin auftreten würde. Um ihr Erscheinen abzusichern engagiert man auch gleich ihren Angetrauten dazu. Die vielbegehrte Auserwählte erkrankt, der Auserwählte verbleibt dem Veranstalter am Hals.

Die Bayreuther Festspiele engagieren einen – kein Wort Deutsch sprechenden, aber sehr bekannten französischen – Tenor für Richard Wagners „Lohengrin“, eine Partie, die dieser noch nie gesungen hat, und dieser „zieht sich von der Rolle einstweilen zurück“ und versichert, sie ein Jahr später zu singen, weil er noch Zeit brauche zur Vorbereitung. Doch sein Name erscheint am Grünen Hügel heuer nicht.

Die Vielbegehrte sollte zwar schon voriges Jahr als Auserwählte des Schwanenritters erscheinen, doch verschiebt sie ihre Apparition auf dieses Festspieljahr mit lediglich zwei Auftritten.

Damit hätte sie den Sommer mit Verona, Salzburg und Bayreuth sozusagen im Triumvirat abgehakt. Doch der späte Sommer ist zu warm geworden, und sie „zieht sich wegen Erschöpfung“ zurück. Eine Elsa von Brabant wird ja in Bayreuth leicht zu finden sein, wenn auch nicht aus Krasnodar.

Das alles ist nicht schlimm, eher verständlich und vorhersehbar. Schlimm und folgenschwer ist jedoch, dass das Werk, das gespielt wird, zweitrangig geworden ist. Es zählt nur noch der Interpret.

Und wenn jemand wirklich schuldig ist, dann ist es der Veranstalter, der sich dem Medienrummel um die „Stars“ willenlos beugt und auch noch stolz ist zu haben (so er denn hat), was andere nicht haben.

Die prominenten Absagen dieses Festspielsommers sollten den Veranstaltern ihre eigene Verantwortung in Erinnerung bringen, sowohl ihrem zahlenden Publikum als auch den Werken gegenüber.