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Kultur
06/05/2019

Achtung, Spoiler! Die Kulturgeschichte eines Phänomens

Mit der finalen Staffel von "Game of Thrones" wurde auch das Thema Spoiler wieder riesig. Ein Text, der alles verrät – außer das Ende der Serie.

Bruce Willis ist ein Geist, gleich von Beginn an. Der Film „The Sixth Sense“ und seine berühmte Wendung werden heuer 20 Jahre alt, man darf das deshalb wahrscheinlich so schreiben, ohne vielen Menschen den Spaß zu verderben.

Ganz anders schaut die Sache bei „Game of Thrones“ aus. Als die achte und finale Staffel der Serie am 14. April anlief, glich der Montag für viele Zuschauer einem Spießrutenlauf. Man versuchte, den Tag irgendwie spoilerfrei zu überstehen, um abends halbwegs überrascht die neue Folge schauen zu können. Dass das Gesehene nach Meinung vieler Kritiker eher enttäuschend war, ist schade, steht aber auf einem anderen Blatt.

Die Netzkultur ist quasi besessen von Spoilern beziehungsweise ihrer Vermeidung. Das gilt für „Game of Thrones“ genauso wie für den vorläufig letzten Teil der „Avengers“-Reihe, wo ein Mann vor einem Kino in Hongkong sogar verprügelt wurde, weil er das Ende durch die Gegend brüllte. Doch woher kommt diese Obsession? Und war das schon immer so?

Keine neue Erfindung

Das Prinzip „Spoiler“ ist natürlich keine neue Erfindung, im Bezug auf Werke der Popkultur tauchte der Begriff aber erst Anfang der 70er Jahre auf. Das war kein Zufall. Überraschende Wendungen hatte es auch schon vorher in Filmen gegeben (Hitchcocks „Psycho“ erschien 1960), aber die Nutzung des „Plot Twist“ nahm ab dem Ende der 60er Jahre zu.

So stammen auch einige der ikonischen Spoiler, die heute ironisch auf leicht nerdige T-Shirts gedruckt werden (Darth Vader ist Luke Skywalkers Vater; Soylent Green wird aus Menschen gemacht; der Planet der Affen war die ganze Zeit die Erde) aus dieser Zeit. In den folgenden Jahrzehnten unterlag der Plot Twist gewissen Schwankungen. In den 80ern erzählte man Geschichten lieber ein wenig linearer. Ab Mitte der 90er kamen mit Filmen wie „Die üblichen Verdächtigen“ oder „Fight Club“ wieder Werke in die Kinos, die ihren Reiz besonders dadurch entwickelten, dass man am Ende merkte, dass eigentlich alles ganz anders war.

Mit dem Aufkommen einer breitenwirksamen „Netzkultur“ in den Nullerjahren änderten sich die Regeln ein wenig. Die Kommunikation zwischen Kritikern und Publikum war nicht mehr einseitig. Letzteres begann zunehmend „Spoiler-Warnungen“ zu fordern – also einen Hinweis vor einem Artikel, dass dieser Teile der Story verrate. In den großen Medienhäusern wurde das anfangs durchaus kontrovers aufgenommen, auch weil es damals noch nicht üblich war, in seiner Arbeit selbst eine Meta-Ebene zu betreten.

Überraschungseffekt

Heute haben sich die meisten Filmkritiker damit arrangiert, nichts unangekündigt zu verraten, was den Zuschauern einen großen Überraschungseffekt verderben könnte. Auch wenn es weiterhin prominente Fälle gibt (2012 verriet Die Presse das Ende von „James Bond: Skyfall“; nach Protesten von Sony Pictures und vielen Lesern wurden die Stellen in der Onlineversion gestrichen) und manche Autoren immer wieder vorsichtig anregen, das Ganze doch ein wenig gelassener zu nehmen. „Massenkultur bestand tausende Jahre aus extrem vorhersagbaren Geschichten, von den griechischen Tragödien bis zu Shakespeare“, schrieb das US-Magazin Wired vor ein paar Jahren.

Zwei Komponenten

Für die kollektive Hysterie angesichts der Spoiler-Gefahr braucht es vor allem zwei Komponenten. Zum einen sind das Plattformen, auf denen man nur bedingt die Kontrolle hat, welchen Inhalten man sich aussetzt. In Zeiten der Tageszeitung war es noch recht einfach: Wollte man nichts über einen neuen Film wissen, konnte man einfach über den Kulturteil drüberblättern. In Zeiten von Facebook oder Twitter ist das so kaum mehr möglich. Die Anzahl an Postings über bestimmte große Serien oder Filmen, egal ob von Privatleuten oder Medien-Accounts, ist so hoch, dass man fast zwangsläufig Dinge erahnt, selbst wenn man das explizit nicht will.

Zum anderen braucht es aber auch eine kritische Masse an Zuschauern. Das Ende wenig beachteter Serien oder Filmen kann man zwar verraten, aber nicht wirklich „spoilern“, weil der Resonanzboden fehlt. Man kann nur Dinge spoilern, die fast alle schauen. Vielleicht ist das der Grund, warum das gerade bei „Game of Thrones“ so ein großes Thema ist. Es gibt die These, dass die Serie der letzte Ausläufer eines linearen TV-Zeitalters darstellt, als es noch so etwas wie kollektive „Fernsehereignisse“ gab. Ein Phänomen, das in Zeiten von Netflix und anderen Streamingplattformen zunehmend verschwindet.

Aus der Zeit des linearen Fernsehens stammt auch eine der schöneren Spoiler-Geschichten: 1962 lief in der ARD die sechsteilige Krimi-Reihe „Das Halstuch“, mit Einschaltquoten von bis zu 90 Prozent. Einen Tag vor Ausstrahlung der finalen Folge schaltete der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss Zeitungsanzeigen, in denen er den Mörder verriet („Der Borsche war’s“) und empfahl, stattdessen lieber in seinen eigenen Kinofilm zu gehen. Neuss behauptete bis zu seinem Tod, das Ende lediglich erraten zu haben. Geholfen hat es nicht: Die BILD-Zeitung bezeichnete ihn als „Vaterlandsverräter“. Das hat bei „Game of Thrones“ noch niemand geschafft.

(Von Jonas Vogt)