11 Monate keine szenische Oper – ist das noch ein Opernhaus?

Ein Antrag an das (fiktive) Kulturamt plädiert angesichts des reduzierten Programms gleich für eine Umwidmung des Theaters an der Wien.
Ein Schreibtisch mit Aktenordnern, einem Stempel, einer Kaffeetasse und abgelehnten Dokumenten, über dem ein Paragraphenzeichen an einem Spinnenfaden hängt.

Sehr geehrtes Kulturamt!

Wie ich Ihren Publikationen entnehme, haben nun alle Wiener Opernhäuser ihr Programm für die Saison 2026/’27 präsentiert. Mir ist aufgefallen, dass das Theater an der Wien so selten spielt, dass ich mich frage, ob die Renovierung überhaupt schon abgeschlossen ist. Falls nicht, beantrage ich bei Ihnen eine Umwidmung und eine Neupositionierung. Ein Schwimmbad an dieser Stelle wäre fein. Alternativ ein Drive-in für Salonbeuschel.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr E. S.

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Sehr geehrter E. S.,

vielen Dank für Ihren Antrag, dessen Einlangen zu bestätigen wir uns hiermit erlauben (Geschäftszahl 14/2026). Obwohl wir Ihren Ideen durchaus etwas abgewinnen können (gerade am Naschmarkt ist die Stadt Wien ja zuletzt durch allerlei kreative Seltsamkeiten aufgefallen), sehen wir uns zur Ablehnung derselben gezwungen. Dies darob, weil wir zu den Befürwortern des Erhalts städtischer Theater zählen, wenngleich Sie dahingehend recht haben, dass man dieses spezielle in Bezug auf die Anzahl der Vorstellungen nicht immer als solches wahrnimmt. Eine der Kraft der PR anhängende Person hatte vor Monaten auf dem Vordach die Worte „Opernhaus des Jahres“ anbringen lassen, zuletzt waren diese wieder weg. Könnte mit Selbsterkenntnis zu tun haben.

Wir haben Ihre Anregung zum Anlass genommen, den Spielplan des Theaters an der Wien nicht auf Werke oder engagierte Künstler zu überprüfen, sondern ausschließlich numerisch. Diese kulturamtliche Begutachtung ergab, dass es in einem ganzen Opernjahr insgesamt 32 (in Worten: zweiunddreißig!) szenische Opernaufführungen geben wird. Dazu kommen 36 Vorstellungen für Kinder (prinzipiell wichtig, aber kein Ersatz) sowie elf Abende mit unterschiedlichen konzertanten Opernaufführungen. Für dieses Genre hat das Theater an der Wien sogar das Wort „konzertantes Musiktheater“ erfunden. Wir sind au contraire der Ansicht, dass Musiktheater einen theatralischen Aspekt benötigt. Und Konzertantes in ein Konzerthaus gehört, nicht auf eine teuer umgebaute Bühne mit erstklassiger Technik.

Der Intendant kann unserer Einschätzung nach wenig für die Schrumpfung, ihm hat man Geld und auch die Kammeroper weggenommen. Anders verhält es sich bei der Führung der Vereinigten Bühnen, die offenkundig lieber bei Oper als beim kommerziellen Musicalfach spart. Zweifelsfrei lässt sich jedenfalls feststellen: Ein Opernhaus, das an nur 32 Abenden pro Jahr Oper spielt, ist kein Opernhaus, sondern ein geschlossenes, in dem hin und wieder Oper gespielt wird.

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