Von Muße, Musen und Pampelmusen

Wolfram Kautzky geht in seiner Kolumne "Wortklauberei" den Wörtern auf den Grund.
Wolfram Kautzky
Flying Fox bei der Urania

Der Wortklauber hatte im Zuge seines Studiums der Klassischen Philologie das zweifelhafte Vergnügen, die Namen der altgriechischen Musen, neun an der Zahl, auswendig lernen zu dürfen: „Kliometerthal – euer Urpokal“ hieß der irgendwie sinnentleerte, aber dank gleicher Silbenzahl und Endreim doch effiziente Merkspruch, mit dem er sich die Göttinnen Klio, Melpomene, Terpsichore, Thalia sowie Euterpe, Erato, Urania, Polyhymnia und Kalliope dauerhaft ins Gedächtnis beförderte.

Von den neun mythologischen Damen, die für die diversen Spielarten von Kunst und Wissenschaft zuständig waren, haben es in Wien zwei in die Gegenwart geschafft: Thalia, die Göttin der Komödie, lebt in der Thaliastraße (benannt nach dem von 1856-1869 dort befindlichen Thalia-Theater) weiter; und Urania, zuständig für die Sternenkunde, war die Namensgeberin der Urania, auf deren Dach sich heute Österreichs älteste Volkssternwarte befinden.

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Als Kollektiv leben die Musen auch im allgemeinen Sprachgebrauch weiter: Ein „Museum“ war in der Antike zunächst ein den Musen geweihter Ort, bevor der Begriff im 17. Jh. auf Kunstsammlungen ausgedehnt wurde. Und die „Musik“ (von musiké téchne = „Musenkunst“) darf sich rühmen, als einzige der ehemals neun Musen-Disziplinen die „Muse“ sogar im Namen zu führen.

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„Wofür werden Sie in der Pension mehr Zeit haben?“ – „Für Bücher, zum Teil habe ich einige aus dem 17. Jahrhundert. Da braucht man aber auch Muse dafür.“ Angesichts dieses Ausschnitts aus einem Krone-Interview begann der Wortklauber zu rätseln, welche Muse der befragte Neo-Pensionist denn so dringend benötige: Thalia, Clio, Euterpe oder Urania? Sollte es sich im Text nicht doch um eine banale -s- und -ß- Verwechslung handeln, empfiehlt der Wortklauber die oben noch nicht genannte Pampel. Die enthält viel Vitamin C, wirkt appetitzügelnd und hilft bei der Fettverbrennung – beste Voraussetzungen also für das exzessive Lesen alter Schmöker.

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Fundstück der Woche: „Am Abend klart es auf, in der Nacht nimmt die Bevölkerung wieder zu.“ (Radio Salzburg)) – Ob (und wie) die Bevölkerung zunimmt, hängt trotzdem weniger mit Aufklarung als mit Aufklärung zusammen.

Wolfram Kautzky ist Philologe und geht gerne den Wörtern auf den Grund.

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