Von Montagen, Blamagen und Gemengelagen

Wolfram Kautzky geht in seiner Kolumne "Wortklauberei" den Wörtern auf den Grund.
Wolfram Kautzky
COLOMBIA-ECUADOR-ECONOMY-ENERGY

„Das ist eine toxische Gemengelage“, titelte unlängst eine Qualitätszeitung. Dr. Martin S., stets auf sprachliche Qualität erpicht, schüttelt den Kopf: „Schon wieder dieses unschöne Wort ,Gemengelage‘! Man weiß gar nicht genau, was es bedeutet, geschweige denn, wie man es ausspricht – so wie Melange?“ Die Recherche ergibt: Der Begriff stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft und bezeichnete verstreut liegende Feld- und Waldstücke eines Grundbesitzes, die infolgedessen nur mit Schwierigkeiten zu bewirtschaften sind. Im übertragenen Sinn wird Gemengelage neuerdings gerne in der Bedeutung Gemisch, Gemenge verwendet.

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Anders als zu vermuten, hat die Endung -age in diesem Fall nichts mit französischen Wortbildungen wie Stellage, Sabotage oder Bagage zu tun. Das Wort ist germanischer Herkunft, die richtige Aussprache lautet „Geménge-Lage“ und nicht „Gemengelásch“. Trotz dieser erhellenden Erkenntnis erlaubt sich der Wortklauber, einen Vorschlag an alle Mitglieder des Vereins zur verbalen Komplexitätsmaximierung zu richten: Sie dürfen gerne auch ab und zu die Synonyme „Wirrwarr“, „verzwickte Lage“ oder „verworrene Situation“ verwenden. Das erspart allen, die der Gemengelage unkundig sind, die Blamage.

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Kürzlich hatte der Wortklauber, im Wiener Morgenstau vor sich hinstarrend, Gelegenheit, sich eingehend mit dem Schriftzug zu beschäftigen, der auf dem Lieferwagen vor ihm prangte: „Montage-Service“ war da zu lesen. Was Anlass zum Rätseln gab: Warum findet das Service nicht an einem anderen Wochentag statt? Hat diese Firma bereits die Ein-Tage-Woche eingeführt? Und gerät durch diese Maßnahme die beliebte Work-Life-Balance nicht völlig aus dem Gleichgewicht? Angesichts dieser Gemengelage beschloss der Wortklauber, rechts abzubiegen und sich beim Monteur seines Vertrauens einen Termin auszumachen. Glücklicherweise war dieser für jeden Wochentag buchbar.

Fundstück der Woche: „Vollziehung des Geschorenen- und Schöffengesetzes 1990 Auslosungsverfahren für die Jahre 2027 und 2028“ (Online-Kundmachung des Bürgerservice Tullnerbach) – Dass als Laienrichter nun auch ausdrücklich Personen mit Ultra-Kurz-Haarschnitt ausgelost werden, ist neu.

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Wolfram Kautzky ist Philologe und geht gerne den Wörtern auf den Grund.

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