Kolumnen 10.06.2018

Wo kommen wir da hin?

© Bild: Kurier / Jeff Mangione

So geht das nicht! Wenn eine Person eine ekelhafte Nachricht erhält, dann muss er oder sie natürlich darüber schweigen.

Herr L. ist ein großzügiger Mann. Er lässt die Kunden in seinem Lokal seinen privaten Facebook-Account bzw. den des Lokals nützen. Das ist doch nett von ihm. Ob die Kunden sich manchmal auch selbst ein Bier aus der Kühlung nehmen dürfen?

Es ist Herrn L. auch nicht so wichtig, was für Nachrichten die Menschen von diesem Facebook-Account aus verschicken. Und wenn die Kunden einer Person einmal etwas Ekelhaftes, Obszönes und Widerwärtiges schreiben, dann werden sie auch nicht des Lokals verwiesen, so großzügig ist Herr L. Den Facebook-Account dürfen sie zwar nicht mehr verwenden. Aber wieso sollte Herr L. sie auch aus dem Lokals verbannen? Falls er es doch selbst war – also nicht, dass wir ihm das unterstellen, denn er sagt ja, er war es nicht – dann wäre das ja auch sehr ungünstig. Wer würde dann auf das Lokal aufpassen oder darauf, wer den Facebook-Account benützt?

Und außerdem, wer hätte denn nicht gerne Kunden im Lokal, die Leuten schreiben, sie würden gerne „deinen fetten Arsch f***en“, „damit dir einer abg*** du kleine dreckige B**ch !!!“ Wer hätte denn nicht gerne Menschen um sich, die so etwas nicht nur denken, sondern es auch noch aufschreiben und diese Sätze tatsächlich abschicken. Da ist doch nichts dabei. Das gibt es jetzt doch dauernd. Schau dir die ganzen Online-Foren an!

Was Herr L. hingegen gar nicht leiden kann, ist, wenn eine Person, die so eine ekelhafte Nachricht erhalten musste, das öffentlich macht. Genau das hat eine Wiener Ex-Politikerin vergangene Woche getan. Und das geht nicht! Wo kommen wir denn da hin! Jetzt hat er ja die schlechte Nachrede, dabei war er das ja nicht. Weil eben die Kunden an den PC können. Und die Verantwortung, die will er bitte schön auch nicht übernehmen.

Wenn jemand so eine Nachricht bekommt, dann muss er oder sie natürlich stillschweigen. Anders ist es ja auch nicht zu erklären, dass der Staat der Person, die so eine ekelhafte Nachricht erhält, keine brauchbaren, rechtlichen Instrumente in die Hand gibt, um sich zu verteidigen. Herr L. hingegen kann nun wegen Rufschädigung klagen. Das hat er auch schon gemacht. Weil wir in einer fairen und gerechten Gesellschaft leben.

 

( kurier.at , amb ) Erstellt am 10.06.2018