Kolumnen
05/29/2020

Wiener Ansichten: Ostblock-Feeling

Die Wiener Innenstadt ist dieser Tage wieder ein bisserl so, wie sie es in den Siebzigern war.

von Barbara Mader

Dieser Tage kriegst du im Hawelka einen Platz und kannst dir beim Trześniewski in der Dorotheergasse einen Tisch aussuchen. Beim Diglas und beim Heiner in der Wollzeile gehören so gut wie alle Kuchen in der Vitrine dir. Die Verkäuferinnen in den Modeboutiquen schenken dir all ihre Aufmerksamkeit. Nur Parkplatz kriegst du keinen, das ist das Einzige, das so ist wie immer, aber selber schuld, wenn du mit dem Auto in die Stadt fährst.

Das Redaktionskomitee der Wiener Ansichten hat sich das ein bisserl lustiger vorgestellt, ehrlich gesagt. Endlich die Stadt wieder für uns haben, war der Gedanke. Jetzt haben wir die Stadt für uns und es ist trotzdem nicht gut. Die Konditoreien und Kaffeehäuser, in denen man sonst kaum Platz bekommt, sind leer und jetzt sieht man auch, wie schäbig viele sind. Die Sitzbänke sind abgewetzt, die Bilder an den Wänden eigenartig, die Kühlvitrinen zu drei Viertel leer. Sperrstund’ ist schon um 17 Uhr. Die Buchhandlung nebenan hat längst zu. Im Ersten macht sich 70er-Jahre-Flair breit. Schön, denkt man, so war’s in unserer Kindheit. Doch man sollte vorsichtig sein mit den Lobhudeleien auf das Gestern. Gestern war auch Ostblocknähe und Provinzmief.

Ein bisserl hat man das Gefühl, die Wiener wissen nichts mehr damit anzufangen, wenn ihnen die Stadt gehört. Zumindest den Ersten haben sie längst aufgegeben. Die Geschäfte, wegen derer man einst „in die Stadt“ fuhr, sind rar geworden. Ja, die „Schwäbische Jungfrau“ am Graben gibt’s noch. Der Ostovics am Stephansplatz hält noch durch, die Spielzeugschachtel in der Rauhensteingasse. Aber die internationalen Ketten und Diskonter haben sich längst durchgesetzt in den denkmalgeschützten Häusern. Um den Braun & Co. weinen manche heute noch.

Europas Stadtzentren sind zu Museen für Touristen geworden. Entweder, die Gäste kommen wieder, oder die Zentren sterben endgültig. Für die Bewohner sind sie wohl schon tot.

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